Journalisten lieben den Politikprofessor Werner Patzelt. Warum? Ganz einfach: Von ihm heißt es, man könne ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen – er werde keine Sekunde zögern und eine präzise, sendefähige Antwort geben. Denn Werner Patzelt geht immer ans Handy. Werner Patzelt weiß immer Rat. Egal, ob es um die Groko geht, um die Kanzlerin, um die Wut der Leute. Ob um die AfD, um Pegida, um Sachsen. Er spricht so geschliffen, wie andere nicht einmal schreiben können. Er hört sich an wie ein komplex denkender Wissenschaftler und drückt die Dinge doch so einfach aus, dass im Grunde jeder sie versteht. So wurde Werner Patzelt, 65, was er heute ist: der bekannteste Politikwissenschaftler des Ostens, auch einer der bekanntesten der Republik. Er ist der Alles-Erklärer. Wohl niemand wurde in den vergangenen Jahren so häufig zum Populismus befragt wie er, der "Pegida-Experte" aus Dresden.

Oder ist er schon mehr als das?

Vor zwei Monaten, kurz nach den Demonstrationen in Chemnitz, hat Patzelt eine Petition mit veröffentlicht. Sie trägt die Überschrift: "Frau Bundeskanzler, bitte belegen Sie Ihre Behauptungen!" Patzelt ruft Angela Merkel darin auf, jene Videos zu veröffentlichen, die sie zu dem Schluss kommen ließen, in Chemnitz habe es "Hetzjagden" gegeben. Hinterlegt ist die Petition mit einer verschwörungstheoretisch anmutenden Grafik namens "Lügenspirale". Im Hintergrund prangt ein Bild von Jospeh Goebbels.

Goebbels? Lügenspirale? Frau Bundeskanzler? Unterstellt er, Patzelt, Angela Merkel unterschwellig, zu lügen wie der NS-Propagandaminister?

Es gibt Leute, die sagen, Patzelt sei inzwischen mehr als ein Analyst. Er sei ein "Pegida-Versteher". Manche sagen: ein "Agitator", ein "Aktivist". Und die das sagen, sind keine irrelevanten Kritiker. Es sind Kollegen. Geisteswissenschaftler an der TU Dresden, etwa der Historiker Gerd Schwerhoff. Oder der Dresdner Politik-Professor Mark Arenhövel, der sagt: "Ich finde es problematisch, wenn man einer bestimmten Bewegung wie Pegida, die ich für demokratiegefährdend halte, Argumente an die Hand gibt. Das tut Werner Patzelt. Ich denke, dass es ihm nicht nur um Analyse geht, sondern um Teilnahme über Bande."

Spricht man Patzelt darauf an, zunächst auf die Sache mit Goebbels und der Petition, dann erzählt er von einem Tag im Sommer, dem 28. August, als seine Kommentierlust und das Medien-Interesse an seinen Analysen ihm über den Kopf wuchsen. Es war der Dienstag nach der Tötung Daniel H.s in Chemnitz und nach den ersten Demos dort, als Patzelt im Grunde Opfer seiner Eitelkeit wurde.

"Ich habe an diesem Tag von halb sechs Uhr morgens bis viertel nach zehn Uhr abends 27 Interviews gegeben", sagt er. Einer der ersten Termine sei ein Interview für das Morgenmagazin im Fernsehen gewesen, danach sei der Tag zum Selbstläufer geworden. "Ich hatte den ganzen Tag getaktet", sagt Patzelt. Leider habe er daher kaum Pausen gehabt, um sich zu informieren – darüber, was sich tatsächlich in Chemnitz zugetragen habe. "Also sagte ich den Journalisten: ›Ich schätze euch das gern politisch ein. Aber ich möchte wissen: Was sind denn die Tatsachen?‹" Die Journalisten hätten ihm, Patzelt, geantwortet: Massendemonstrationen, Hetzjagden, Selbstjustiz auf der Straße. Entsprechend drastisch habe er, Patzelt, die Vorfälle in Chemnitz beurteilt. "Und dann am Folgetag sind mir Zweifel daran gekommen, ob das alles so dramatisch gewesen ist, wie ich es kommentiert hatte." Patzelt bat seine Follower bei Facebook, ihm Videomaterial zu senden von den Geschehnissen in Chemnitz. Später kam er zu dem schwurbeligen Schluss: Es habe wohl ein "Nacheileverhalten" in Chemnitz gegeben, keine Hetzjagden.

Patzelts Ärger über Journalisten und die Bundeskanzlerin, die aus seiner Sicht die Vorfälle dramatisierten, mündeten also darin, eine Petition aufzusetzen. Die Initiative dazu sei von zwei Bloggern ausgegangen, sagt Patzelt, die er flüchtig kenne. Sie hätten die Petition leider mit besagter irritierender Goebbels-Grafik unterlegt, die er, Patzelt, nicht vorab gesehen habe, die er bedauere und die er schließlich habe von der Internetseite entfernen lassen.

Ist Patzelt, der Chef-Kommentierer, einer, der sich zu wenig informiert, bevor er einordnet? Und ist er tatsächlich schon ein Aktivist?

Patzelt sieht sich als Propheten, der vor Rechtspopulismus immer gewarnt habe

Es war nicht schwer, mit Patzelt ein Gespräch genau darüber zu arrangieren: Natürlich ging er beim ersten Klingeln ran, natürlich war er sogleich redebereit ("Kommen Sie doch zu mir nach Hause, am besten morgen!"). Und so sitzt man also in seiner Altbauwohnung, mitten im gediegensten Dresdner Viertel Striesen. Da sitzt er: rundes Gesicht, runde Brille. Die Locken, die man aus dem Fernsehen kennt. Patzelts eingeschalteter Computer gibt alle paar Sekunden ein leises Geräusch von sich: eingehende Mails.

Das, sagt er, seien bei Weitem nicht nur Gesprächsanfragen von Journalisten! Immer wieder erreiche ihn auch Post, der Rektor seiner Uni in Kopie, dass "diesem Patzelt das Handwerk gelegt werden müsse", sagt er. "Man ärgert sich über mich aus politischen Gründen – denunziert mich aber als Wissenschaftler." 2017 zündeten Unbekannte sogar sein Auto an. Patzelt sagte damals: "Sehr hoffe ich, dass niemand auf den Gedanken gekommen ist, mir hätte es die Sprache verschlagen."

"Bei Pegida sind eine ganze Menge ganz normaler Leute mit dabei"

Den Vorwurf, selbst ein Aktivist zu sein, findet er abwegig. Schließlich habe er ganz früh erste Pegida-Studien vorgelegt, habe seit Jahren hingewiesen auf die Repräsentationslücke am rechten Rand der Gesellschaft. Als Wissenschaftler ist Patzelt auf das Parteiensystem spezialisiert. Schon 1994 forschte er zur Frage, warum das Verhältnis zwischen Volk und Volksvertretern so schlecht sei.

Seit einigen Jahren wird ihm nun immer wieder vorgeworfen, allzu nachsichtig und empathisch mit Pegidisten zu sein. 2015 wandte er sich explizit mit Verhaltenstipps an das Pegida-Orga-Team: "Distanziert euch von Volksverhetzern", schrieb Patzelt in der Freien Presse. "Werdet euch einig, wofür ihr steht. Und redet mit Journalisten, damit es Klarheit gibt, wie man mit euch politisch umgehen muss."

Dass seine Einschätzungen zu Pegida und AfD sich von dem unterscheiden, was die meisten Kollegen sagen, ist ihm bewusst. "Zu Pegida habe ich gesagt: Da sind eine ganze Menge ganz normaler Leute mit dabei. Deren Probleme sind nicht nur eingebildet, sondern real. Und wenn wir uns um deren Probleme nicht kümmern, dann kracht es eines Tages. So wie es in Gestalt der AfD ja tatsächlich gekracht hat", sagt Patzelt.

Patzelt sieht sich, was den Rechtspopulismus betrifft, als einen, der immer gewarnt hat – und nie verstanden wurde. Eine Art unerhörter Prophet. Man muss zu den Anfängen von Pegida zurückgehen, um das zu verstehen. Muss zurückgehen in den Herbst 2014, als die Zeit begann, in der Ambivalenz plötzlich nur noch schwer auszuhalten war, in der Meinungsverschiedenheiten nicht mehr Meinungsverschiedenheiten waren, sondern eher: Anlässe für Zerwürfnisse. Die Meinungsverschiedenheit über die Frage, wie mit Pegida umzugehen sei, zerriss auch die Institution, die Werner Patzelt aufgebaut hat, als er 1991 nach Dresden kam: das politikwissenschaftliche Institut der TU Dresden.

Patzelt sah in Pegida frühzeitig einen Protest auch unbescholtener Bürger, die sich lediglich eine konservativer ausgerichtete Politik wünschten.

Viele Wissenschaftler und auch der Rektor der TU Dresden aber sahen in Pegida eine Aufwallung rassistischer Umtriebe, eine Bedrohung des Wissenschaftsstandortes; etwas, gegen das auf die Straße zu gehen sich lohnt. Während die TU Dresden offiziell zu Gegendemonstrationen aufrief, schickte Werner Patzelt seine Studenten zu Pegida und ließ sie Demonstranten befragen. Es ist von feiner Ironie, dass diejenigen, die Patzelt schon damals Aktionismus vorwarfen, bisweilen selbst an der Organisation der Gegenproteste beteiligt waren.

An der TU indes wuchs der Ärger darüber, dass Patzelt in den deutschen Medien mit Abstand am häufigsten zitiert wurde. Auf den Fluren seines Politik-Instituts standen sich die Kamerateams bisweilen regelrecht im Weg. Sie warteten meistens nur auf einen, auf Werner Patzelt.

Patzelts Unterstützer, seine Mitarbeiter, störten sich damals an der Unfähigkeit vieler Kollegen, Differenzen auszuhalten. Statt Meinungsverschiedenheiten zivilisiert auszutragen, versuchten Studenten und vereinzelt auch Kollegen tatsächlich, Patzelt zu desavouieren, seine Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Als wäre das, was er sagt, toxisch und dürfe nicht hinaus in die Welt. An einem Januartag 2015 ließen Studenten anonym Flugblätter ins Hörsaal-Zentrum der TU Dresden fallen. "Herr Patzelt ist in der gesamten Pegida-Debatte mehr politischer Akteur denn Wissenschaftler", stand darauf. Wenig später veröffentlichte eine Reihe von Politikwissenschaftlern der TU einen offenen Brief, in dem sie sich von Patzelt distanzierten.

"Wenn man kantig ist, ist man wenig diplomatisch"

Bis heute schwelt im Institut ein Streit um die Frage, wer oder was Pegida groß gemacht hat. Waren es die Pegida-Kritiker, die in ihrer kollektiven Ablehnung der gesamten Bewegung diese erst zu einer verschworenen Gemeinschaft werden ließen? Oder waren es Leute wie Werner Patzelt, die in ihrer Analyse, dass Pegida teils berechtigte politische Anliegen vertrete, diese Bewegung erst legitimierten? Überzeugt von ihrer jeweiligen Haltung sind bis heute beide Lager. "Meine Beschreibungen haben sich als vollständig zutreffend herausgestellt", sagt Werner Patzelt etwa.

Woher nimmt dieser Mann seine Selbstgewissheit?

Um das zu verstehen, sollte man mit Michael Kretschmer sprechen, Sachsens CDU-Ministerpräsident. Der kennt Patzelt seit 20 Jahren, denn der Wissenschaftler sei eben "immer präsent" gewesen, sagt Kretschmer. Patzelt habe keine Agenda. Aber: "Er hat immer einen klaren Standpunkt." Mit seiner Meinung, sich mit den Forderungen von Pegida auseinanderzusetzen, die Motive der Teilnehmer zu verstehen, habe er richtig gelegen. "Aber Werner Patzelt ist mit dieser Forderung erst nicht durchgedrungen, auch in der sächsischen CDU nicht. Da müssen wir selbstkritisch sein", sagt Kretschmer.

Zumal Patzelt sich den Ruf erarbeitet hat, ein "Ossi-Versteher" zu sein. So bezeichnet er sich selbst, so beschreibt ihn auch Joachim Klose, Leiter des Dresdner Büros der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Klose ist mit Patzelt befreundet, er sagt: "Werner Patzelt hat sich voll auf Dresden eingelassen. Er lebt hier, statt in seine westdeutsche Heimat zu pendeln, wie es andere Wissenschaftler tun. Er ist ein Teil der Stadtgesellschaft."

Er sei oft undiplomatisch, sagt ein Freund von ihm

Vielleicht ist Patzelt auch eine Art ewiger Oppositioneller. Er ist in Bayern geboren, aufgewachsen in Passau. Als Schüler träumte er von einer linken Revolution. Im Klassenzimmer hängte er ein Bild Che Guevaras auf. Bei der Bundeswehr, später, schnitt man ihm die langen Haare ab, schon beim darauffolgenden Studium in München beobachtete er die linken Gruppierungen an der Uni dann mit einem, wie er sagt, "Maß an Verwunderung ob ihrer Verbohrtheit". 1991 ging er nach Dresden und blieb. Die Stadt ist ihm Heimat geworden. Seine Frau komme aus der Oberlausitz, erzählt Patzelt, so lebe er in zwei Welten.

Aber auch jede Selbstgewissheit hat ihren Preis, und das verheimlicht nicht einmal Patzelts Freund Joachim Klose. "Wenn man kantig ist, ist man wenig diplomatisch", sagt Klose. "Deswegen schießt Werner Patzelt manchmal über das Ziel hinaus." Das habe man ja beobachten können, in der Sache mit der Petition.

Dabei wäre es von Vorteil für Patzelt, wenn er mitunter nachgiebiger wäre, versöhnlicher.

Vor Kurzem scheiterte er daran, ein großes Institut an die TU Dresden zu holen. Patzelt hatte – gemeinsam mit seinem Freund Joachim Klose – die Idee für ein "Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt" ersonnen. 37 Millionen Euro bewilligte der Bundestag dafür. Dann aber verkrachte sich Patzelt mit seinen Dresdner Kollegen derart, dass kein gemeinsamer Projektantrag zustande kam. Der Zuschlag ging an andere Unis. Ausgerechnet an dem Projekt für "gesellschaftlichen Zusammenhalt" wurde so die Zerrissenheit der TU Dresden wieder sichtbar.

Patzelt selbst hat nun andere Visionen. Im März soll er emeritiert werden. Er träumt davon, dann das zu tun, was seine Kritiker ihm bislang immer nur vorgeworfen haben: politisch Einfluss zu nehmen. Patzelt könnte sich vorstellen, eine "adäquate politische Rolle" in seiner CDU zu übernehmen. Er würde jetzt wirklich gern Politiker werden.