Wer fürchtet oder hofft, dass China die USA als Nummer eins der Weltpolitik abserviert, wird noch etwas warten müssen. Die märchenhafte Wachstumsrate, die schon mal 15 Prozent (1984) erreicht hat, sinkt seit Beginn des Jahrzehnts. Gerade hat Peking ein neues Tief von 6,6 Prozent gemeldet.

Das ist kein statistischer Zufall. Alle Aufsteiger, die ganz unten anfangen hatten, glänzten mit fabelhaftem Wachstum: Taiwan, Südkorea, Japan. Sie alle sind auf Normalmaß im niedrigen einstelligen Bereich geschrumpft. Sie haben dem gleichen Wachstumsmodell gefrönt wie China: unbändige Investitionen, gedrosselter Verbrauch, Export über alles, genährt durch unterbewertete Währungen. Dann der Fluch des Wohlstands: Die Löhne steigen, die Verbraucher wollen mehr für sich, die Kapital-Akkumulation gerät in die Falle des sinkenden Grenzertrags. Jedes Plus an Jobs und Output erfordert immer mehr Investitionen.

Die Produktionskosten steigen. In China sind die Löhne explodiert, um das Achtfache seit 1990. Eine Studie der Boston Consulting Group meldete zu Beginn des Jahrzehnts: Gemessen an der niedrigeren Produktivität und den Kosten einer globalen Lieferkette, würden Chinas Arbeitskosten schon 2015 etwa das US-Niveau erreichen. Seitdem wandern Jobs zurück nach Amerika oder in Billigländer wie Vietnam. Folglich wiederholt sich in China, was Japan und Co. bereits erlitten haben: Das Wachstum sinkt.

Blicken wir nun nach vorn, wo in China ein demografisches Desaster lauert. Im Westen herrscht die Vorstellung, dass China ein unerschöpfliches Reservoir an Arbeitskräften besitze. Vorbei. Seit 2015 schrumpft die industrielle Reservearmee des Landes. Bis 2050, so die UN, werde das alternde China ein Drittel seiner Arbeitskräfte verlieren. Ein Viertel aller Rentner weltweit wird dann in China leben. Sie arbeiten nicht, verschlingen aber einen immer größeren Anteil des BIP für Sozialtransfers, der dann anderswo fehlt: bei den zivilen Investitionen und den Streitkräften, die sich anschicken, die USA zahlenmäßig zu überflügeln.

Um die Jahrhundertmitte werden 800 Millionen Erwerbstätige 400 Millionen Empfänger alimentieren müssen. Das ist der eine Preis der Einkindpolitik. Der andere ist die Überalterung. China wird die älteste Bevölkerung unter den Industrieländern haben, Amerika die zweitjüngste (nach Indien), weil seine Geburtenrate dezidiert höher ist und die stete Einwanderung die Jungen ins Land bringt. Alte Leute konsumieren, junge produzieren. Den gebärfaulen Europäern würde ohne Zuwanderung ein ähnliches Schicksal drohen. Dass China und Japan ihre Tore öffnen, steht nicht in den Sternen.

Das übelste Problem ist das politische. Viele im Westen bewundern die Modernisierung des Landes durch ein totalitäres System – so wie sie die forcierte Industrialisierung unter Stalin gerühmt haben. Doch zerbrach die Sowjetunion nach 74 Jahren. Derweil Chinas Mittelschicht wächst, zieht das Xi-Regime die totalitären Zügel an, was keine harmonische Zukunft verheißt. Nach der grausamen Unterdrückung der Tiananmen-Demokratiebewegung 1989 fiel Chinas Wachstum ins Bodenlose, ebenso wie während der Kulturrevolution 1966–76. Die Leute werden erst reich, dann aufmüpfig. Chinas Geschichte lehrt: Das Volk beugt sich scheinbar auf ewig – bis zum nächsten Aufstand und Bürgerkrieg.