Eine Nacht lang sah es wirklich so aus, als wollten die Parteien der großen Koalition ihr Desaster bei den hessischen Landtagswahlen mit rhetorischen Verbeugungen vor den Wählern, aber ohne tatsächliche Konsequenzen hinter sich lassen. Am Morgen danach kam der Paukenschlag. Im CDU-Vorstand kündigte Angela Merkel ihren Rückzug vom Parteivorsitz an. Damit eröffnet sie der CDU die Chance zur Erneuerung. Aber mindestens so wichtig ist das Kalkül, den Druck von ihrer Kanzlerschaft zu nehmen und die große Koalition in ruhigeres Fahrwasser zu führen. Doch das ist die Illusion einer Politikerin, die ansonsten nicht zu Illusionen neigt.

Realistischer erscheinen heute zwei Varianten der weiteren Entwicklung: Entweder wird Angela Merkels Autoritätsverlust ihre Kanzlerschaft zerstören und damit zwangsläufig auch die Regierung an ihr Ende bringen. Oder der Zusammenbruch einer unmöglich gewordenen Koalition wird auch deren Chefin mit sich reißen. Ihre Entscheidung, nach 18 Jahren an der Spitze den CDU-Vorsitz aufzugeben, lag in der Luft und hat doch alle überrascht. Ihr Schritt nötigt Respekt ab. Aber es ist ein Fehler, zu glauben, die Regierung lasse sich dadurch retten. Es wäre ein Fehler, sie überhaupt retten zu wollen.

Die große Koalition, einst Regierung für den Notfall, ist selbst ein Notfall geworden

Angela Merkel hat am Beispiel ihres Vorgängers Gerhard Schröder einst zutreffend analysiert, dass ein Verzicht auf den Parteivorsitz das Ende einer Kanzlerschaft besiegelt. Sie hat daraus über die Jahre eine Art Dogma gemacht – von dem sie sich jetzt unter dem Druck der Niederlagen verabschieden muss. So wird sie selbst zur Kronzeugin ihrer prekären Lage. Doch nicht die Revision ihrer bisherigen Überzeugung ist das Problem, sondern dass diese richtig bleibt. Wer den Blick auf seine Schwäche freigibt, provoziert die Frage, wie weit die Schwäche reicht. Im Kanzleramt kann man sich solche Fragen nicht leisten. Wenn sie gestellt werden, ist es fast schon vorbei.

Auch deshalb, weil es Angela Merkel nach dem Parteitag Anfang Dezember mit einer oder einem neuen CDU-Vorsitzenden zu tun haben wird. Im besten Falle wird der oder die eine Weile lang bereit sein, sich mit Merkel zu arrangieren. Aber denkbar ist auch das Gegenteil: ein CDU-Chef Jens Spahn beispielsweise, dessen Wahl allein schon als Misstrauensvotum gegen Merkel interpretiert werden müsste. Die Fortsetzung ihrer Kanzlerschaft und der mit ihr verbundenen Koalition wäre dann kaum mehr vorstellbar. Doch selbst ein Merkel wohlgesinnter Nachfolger an der CDU-Spitze würde irgendwann beginnen, sich selbst als Kanzlerkandidat zu profilieren. Dazu Merkels Autoritätsverlust und eine implodierende SPD, all das verdüstert die Perspektiven der Koalition.

Es war von Beginn an ein Fehler, dass sich die tief verletzte SPD noch einmal in diese Regierung zwingen ließ. Doch auch die Kanzlerin muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie seinerzeit die vermeintliche Berechenbarkeit einer unmöglichen Koalition dem riskanteren Weg einer Minderheitsregierung vorgezogen hat. Dabei hätte der Zwang, um wechselnde Mehrheiten für gut begründete Projekte zu werben, der Republik weit weniger geschadet als das erstarrte, sprachlose Regierungsbündnis, das seither die deutsche Politik in Misskredit bringt.

Bis 2005, am Beginn von Merkels Kanzlerschaft, galt die große Koalition als Regierung für den Notfall, für die ganz großen Herausforderungen. Zehn Jahre später ist sie selbst zum Notfall geworden. Was für die Lösung besonderer Aufgaben in schwierigen Zeiten gedacht war, kann sich die Republik nicht länger leisten.

Das gilt sogar für die Parteien der Groko selbst. Ihr Ansehensverlust ist beispiellos. Das Bündnis ist so sehr zum Synonym für ein selbstvergessenes politisches System geworden, dass auch die permanent beschworene "Rückkehr zur Sachpolitik" daran nichts mehr ändern könnte. Deshalb besteht die Herausforderung der Koalition heute nur noch darin, den Weg für eine neue Regierung frei zu machen.

Die politische, gesellschaftliche und ökonomische Substanz der Republik ist groß genug, um auch das vorzeitige Ende einer Legislaturperiode zu verkraften und mit Neuwahlen eine Zäsur zu setzen. Angela Merkel hat mit ihrem Teilrückzug den Anfang gemacht. Sie selbst, der oder die neue CDU-Vorsitzende oder die Sozialdemokraten sollten daraus einen endgültigen Abschied machen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio