Langlauf im Winter, Radfahren im Sommer, Karl Guges* liebt die kanadische Natur. Seit 50 Jahren lebt der 79-jährige gebürtige Hamburger in Montreal und erfreut sich bester Gesundheit, als er Ende Juli plötzlich unter Rückenschmerzen und Atemlosigkeit leidet. Die Ärzte entdecken Flüssigkeit in der Lunge, aber keine Ursache. "Schon Zähneputzen ist für ihn auf einmal ein Marathon", sagt seine Tochter im Sommer verzweifelt. Dem bis dahin so aktiven Mann fehlt selbst die Energie zum Essen und Trinken. Der Grund: ein Brustfelltumor – eine typische Folge von Arbeiten mit Asbest. Ein Viertel der Berufskrankheiten wird erst mit 65 Jahren oder später angezeigt, vor allem bei Krebs.

Am häufigsten sind Hautkrankheiten und Lärmschäden

Einer von 800 Erwerbstätigen und Rentnern in Deutschland meldete 2017 einen Verdacht auf eine Berufskrankheit. Am häufigsten sind Hautkrankheiten und Lärmschäden, die meisten Todesfälle gehen auf Asbest zurück. Die feinen Fasern gelangen beim Einatmen bis in die Lungenbläschen. Mit der Zeit bildet sich als Abwehrreaktion verstärkt Bindegewebe um den Fremdkörper. Die nadelförmigen Fasern können im Laufe der Zeit in das die Lunge umhüllende Gewebe wandern, dort vernarben oder nach Jahrzehnten einen Tumor bilden.

Karl Guges hatte nur einmal früh in seiner Ingenieurslaufbahn Asbest-Kontakt gehabt, "lediglich zwei Wochen". Kann das ein halbes Jahrhundert später einen gesunden Menschen schwer erkranken lassen? "Der Zusammenhang ist für diesen Tumor bekannt und nicht abhängig von der Dosis", sagt der Arbeitsmediziner Wolfgang Raab von der BG Klinik für Berufskrankheiten in Bad Reichenhall. Er veröffentlichte gerade einen Fall, bei dem ein achtwöchiger Ferienjob zu einer Rentenzahlung führte. "Zwischen Schule und Lehre wollte ich 1956 Geld für ein Moped verdienen", sagt Raabs Patient Ulrich Yelin. In einer Asbestfaser-Fabrik hatte er damals Webstühle, Spinnereimaschinen und Böden gefegt, "ohne jeglichen Schutz". Nach heutigem Wissen über Asbeststaub war das lebensgefährlich.

Eher zufällig erfasste 1981 ein Röntgenbild eine beginnende Narbenbildung in Yelins Brustkorb, ohne dass dies weiter verfolgt wurde. Häufiges Husten, Räuspern und Schleimbildung führten die Ärzte auf eine Bronchitis zurück und verschrieben Kuren. Erst eine berufsmedizinische Untersuchung 1990 bestätigte asbesttypische Verdickungen im Lungenbereich. Den Verdacht auf eine Berufskrankheit muss ein Arzt der Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse melden. Diese prüfen, ob es sich um eine der derzeit 80 in Deutschland gelisteten Berufskrankheiten handelt. Zudem untersuchen sie, ob die berufliche Ursache wesentlich für die Erkrankung ist. Erfolg hat nur jeder vierte Antragsteller.

"Die Zahlung einer Rente 60 Jahre nach einem Ferienjob ist etwas Besonderes."
Wolfgang Raab, Arbeitsmediziner

"Das war ein Papierkrieg", sagt Yelin, "in dem mein Berufsleben aufgedröselt wurde." Arbeitsmedizinische Untersuchungen schließen andere mögliche Auslöser für die Erkrankung aus, etwa Tuberkulose oder Lungenentzündung. Schließlich diagnostizierte der Gutachter eine Asbestose, die 1991 als Berufskrankheit anerkannt wurde. Das war wichtig für Yelin. Denn die Leistungen der Unfallversicherung sind umfassender als jene der Krankenkasse; sie enthalten neben der Behandlung auch Umschulungen, vorbeugende Maßnahmen und Zahlungen, wenn Betroffene nicht in ihrem Beruf weiterarbeiten können.

Eine Minderung der Erwerbsfähigkeit und die damit verbundene Rentenzahlung lehnte die Berufsgenossenschaft bei Yelin jedoch ab. Zwar war er beeinträchtigt, doch reichte das nicht für eine Entschädigung: Räusperzwang und leichte Luftnot seien zu milde. "Aber Asbestose kann sich mit der Zeit verschlechtern", betont Raab. Daher seien regelmäßige Kontrollen sowie von der Unfallversicherung übernommene Reha-Maßnahmen wichtig.

2016 klagt Ulrich Yelin über zunehmende Luftnot bei Belastung sowie häufigen Husten. Erstmals liegen die Lungenmesswerte jenseits eines Grenzwerts. Im Februar 2017 erkennt die Berufsgenossenschaft eine 20-prozentige Erwerbsminderung an und damit einen Rentenanspruch. "Die Zahlung einer Rente 60 Jahre nach einem Ferienjob ist etwas Besonderes", sagt Arbeitsmediziner Raab.