Kilian von Seldeneck hat längst nicht jede Tasse im Haus des Milliardärs und Sammlers Richard Baron Cohen gezählt. Sonst säße er wahrscheinlich immer noch in New York statt in den Berliner Räumen des Auktionshauses Lempertz, wo er darüber spricht, "wie poppig das frühe 19. Jahrhundert war". Cohen zählt weit über 2500 Porzellanarbeiten zu seiner Sammlung, die am 7. November von Lempertz versteigert werden. Die Auktionsstücke stammen aus der amerikanischen Twinight Collection – der größten und wichtigsten Privatsammlung von Porzellanen, die aus europäischen Königshäusern des 19. Jahrhunderts stammen.

Ausgewählt hat von Seldeneck beispielsweise die vergoldete Tasse von KPM mit zwei Schlangenköpfen als Henkel. Andere leuchten tiefblau, ein Teller sogar lachsfarben. Auch sechs Flaschenkühler mit plastischen Löwenköpfen aus dem Hochzeitsservice der Prinzessin Luise von Preußen sind unter den Objekten, 40.000 Euro sollen allein die Kühler pro Paar kosten.

Dass diese Sammlung ausgerechnet in Berlin veräußert wird, liegt wohl auch an von Seldenecks langem Atem. Eine der KPM-Vasen mit acht Berliner Panoramen auf dem Bauch, deren Schätzpreis von 200.000 bis 250.000 Euro sie zugleich zum teuersten Stück des Abends macht, hätte der 39-Jährige in der Vergangenheit schon mehrfach verkaufen können. Es gibt einige Sammler mit Interesse daran. Also hakte der Auktionator bei Cohen immer wieder nach: ob der nun vielleicht bereit sei, sich von seiner Sammlung zu trennen. Am Ende hatte der Auktionator den Milliardär überzeugt.

Cohen, dessen Leidenschaft inzwischen Miniaturporträts gilt, lud ihn zu sich nach New York. Zeit solle von Seldeneck mitbringen, um mit ihm das Porzellan für die Auktion auszuwählen – und um ihn ins Museum zu begleiten. Solche Services des Auktionshauses sind drin, wenn Einlieferer wie Cohen über einen echten Schatz verfügen. Zu dem Service kommen Eigenschaften wie Geduld und Vertrauen, das manchmal über Jahrzehnte wachsen muss. So wie Cohen Jahrzehnte gebraucht hat, um das historische, in alle Welt versprengte Porzellan zu einer echten Sammlung zu machen.

Kilian von Seldeneck erinnert an Ausstellungen im New Yorker Metropolitan Museum oder im Berliner Schloss Charlottenburg. Und er zeigt auf das von Cohen finanzierte Buch Raffinesse und Eleganz, ein Standardwerk über das Porzellan aus klassizistischer Blütezeit. Dem Auktionshaus nimmt es nun viel Arbeit ab. Denn die fundamentalen Fragen zur Herkunft und Geschichte eines jeden Stücks der kommenden Versteigerung sind damit geklärt. Das erleichtert die Preisfindung.

Um die Dokumentation der Objekte, die versteigert werden sollen, kümmert sich in größeren Auktionshäusern sonst eine ganze Abteilung. Micaela Kapitzky vom Auktionshaus Grisebach ist zum Beispiel für die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts zuständig und als Mit-Geschäftsführerin im Berliner Auktionshaus verankert. Darüber hinaus gibt es Repräsentanten in mehreren Bundesländern, der Schweiz oder Frankreich, an die sich Einlieferer für eine Begutachtung wenden können.

Doch die Arbeit geht weiter: Sämtliche Kunstwerke werden ausgerahmt und unter UV-Licht betrachtet. So sieht man Retuschen aus jüngerer Zeit und bei Papierarbeiten, ob ein Eingriff am Original den Urzustand verändert hat. "Das geschieht bei uns im Haus", sagt Kapitzky. "Darüber hinaus zeigen wir alle Gemälde und Papierarbeiten einem Restaurator und klären, ob noch etwas an dem Werk getan werden sollte." Natürlich in Absprache mit dem Einlieferer, da dieser Maßnahmen wie eine Reinigung bezahlen muss. Kapitzky betont, das sei nicht Standard, sondern der besondere Anspruch von Häusern wie Grisebach. Dabei tickt immer die Uhr, denn für die Herbstauktionen Ende Oktober mit Hunderten von Objekten wird erst ab Mitte August akquiriert.