Was Universitäten in Nahost und Nordafrika von deutschen Fachhochschulen lernen wollen.

Das Potenzial ist gewaltig: 70 Prozent der 350 Millionen Menschen in der Mena-Region, den Ländern in Nahost und Nordafrika, sind unter 30 Jahre alt. Sie sind besser ausgebildet als ihre Eltern, Millionen von ihnen studieren. Aber das Potenzial wird nicht genutzt: In diesen Ländern herrscht die weltweit höchste Arbeitslosenquote unter Hochschulabsolventen. In Ägypten beträgt sie fast 40 Prozent. Was läuft schief zwischen Agadir in Marokko und Amman in Jordanien? Warum finden so viele Akademiker keinen Job? Und: Was lässt sich dagegen tun?

In Marokko galt viel zu lange die Devise: Eine hohe Akademikerquote ist das beste Mittel gegen Arbeitslosigkeit. Eine Illusion. Die Arbeitslosenquote von Uni-Absolventen liegt bei 22 Prozent, Tendenz steigend. Von 34 Millionen Marokkanern sind 900.000 Studenten, die Hälfte Frauen. Drei Viertel studieren Geisteswissenschaften. Jährlich drängen 138.000 Absolventen auf den Arbeitsmarkt. In der gleichen Zeit werden nur 42.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Das kann nicht gut gehen.

Zudem rekrutieren die großen internationalen Firmen ihre Mitarbeiter unter den Marokkanern, die im Ausland studiert haben. Weil sie qualifizierter sind. Und auch die inländischen Firmen hadern mit den Uni-Absolventen. "Die haben zwar das Backen gelernt, die Wirtschaft aber benötigt Köche", hört man von Unternehmern. An den staatlichen Unis wird meistens in arabischer Sprache gelehrt, gefragt seien aber Französisch und Englisch. Es gäbe an den Unis keine Fehlerkultur, keinen konstruktiven Umgang mit Kritik, keine Interaktion im Unterricht, kein Risikobewusstsein. Es fehle das Wissen darüber, wie die Arbeitswelt wirklich aussieht. Die Hochschulen wiederum beklagen, dass die Industrie nicht auf sie zukomme.

Die marokkanische Regierung hat die Situation der Hochschulabsolventen in der Zwischenzeit zum Top-Thema gemacht und bemüht sich auch um Unterstützung aus dem Ausland. Das deutsche Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat Marokko im vergangenen Jahr insgesamt 367 Millionen Euro zugesagt, um Beschäftigung und wirtschaftliche Stabilisierung zu fördern. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sollen unterstützt werden. Auch die Vereinigten Staaten fördern mit einem groß angelegten Programm Karrierezentren für Studierende, die Studienabgänger bei der Karriereplanung und im Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern beraten.

Was sich viele Firmenvertreter und auch manche Hochschullehrer wünschen, ist eine Fachhochschule nach deutschem Prinzip. Eine Hochschule, die sich auf betriebswirtschaftliche und ingenieurswissenschaftliche Themen konzentriert, die eingebettet ist in ein Netzwerk marokkanischer Firmen mit Talentscouts, die mit den Studierenden den ersten Schritt in den Arbeitsmarkt machen.

In Ägypten ist die Situation noch prekärer. Von den 91 Millionen Einwohnern ist ein Fünftel unter 24 Jahre alt. Drei Millionen studieren, die Arbeitslosenquote der unter 24-Jährigen liegt bei 40 Prozent. Mehr als eine halbe Million Uni-Absolventen strömten 2017 auf den Arbeitsmarkt. Geisteswissenschaftler landen direkt nach dem Studium in der Arbeitslosigkeit. Traditionell ist der Staat in Ägypten einer der größten Arbeitgeber. Allerdings hat das Land zur Entlastung des Staatshaushalts in den vergangenen Jahrzehnten massiv Stellen im öffentlichen Dienst abgebaut. Im selben Zeitraum aber konnten privatwirtschaftliche Unternehmen nicht ausreichend neue Arbeitsplätze schaffen. Und auch in Ägypten sind die meisten Absolventen nicht ausreichend qualifiziert. Sobald es um Business und Communication Skills gehe, seien die Absolventen der staatlichen ägyptischen Universitäten nicht zu gebrauchen, so der Personalchef eines internationalen Unternehmens. Absolventen mit praktischem Anwendungswissen und Problemlösungskompetenz seien Mangelware.

An den staatlichen Unis ist die Arbeit in kleinen Gruppen angesichts der schieren Masse an Studenten nicht möglich. Die Professoren sind individuell für Studierende nicht zu sprechen, denn ihre schlechte Bezahlung zwingt sie zu Zweit-, Dritt- und manchmal Viert-Jobs, auch in Form von Lehraufträgen an den Privat-Unis des Landes.