Als der Schlamm den Fluss hinunterrollte, saß Seu Vicente in seinem Fischerboot. Erst wurde das Wasser dicker, als hätte jemand saure Sahne untergehoben. Ein erdiger Geruch wehte über den Fluss. Dann sah Vicente die Welle. Erst durchsichtig und rein, Flusswasser, wie er es kannte. Doch Fische sprangen aus den Wellen, schnappten nach Luft. Dahinter, den Fluss vor sich hertreibend, kam der Schlamm, rot und dick. Er erreichte Vicentes Motorboot, hob den Kahn hoch, der Motor heulte, als müsste die Schraube durch Lehm schneiden.

Seu Vicente ist am Ufer des Rio Doce geboren, vor 43 Jahren, 20 Kilometer außerhalb der Stadt Governador Valadares. Diese liegt eine Tagesreise nördlich von Rio de Janeiro, der Zwölf-Millionen-Metropole an der Küste Brasiliens. Vicente hat traurige, dunkle Augen und die Haut eines Mannes, der täglich in der feuchten Hitze arbeitet. Sein Vater war Fischer, sein Großvater ebenfalls. Er sitzt auf seinem Klappstuhl vor einer kleinen Fischzucht, für die er heute arbeitet. "Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich auf dem Fluss verbracht", sagt er. Das Land lieferte ihm Bohnen, Mais, Süßkartoffeln, der Rest kam aus dem Fluss. Vicente trank sein Wasser und goss damit den Gemüsegarten, er aß seine Fische. "Ich kenne den Rio Doce wie die Innenfläche meiner Hand", sagt er. "Seit jenem Tag erkenne ich ihn nicht wieder." Am Abend, als der Schlamm sich über die gesamte Breite des Flusses gelegt hatte, kniete sich Vicente ans Ufer und weinte.

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Am nächsten Morgen kam die Fäule. Fische, auf der Suche nach Sauerstoff an der Wasseroberfläche erstickt, begannen zu vergammeln, es roch nach Tod. 30 tote Capybaras, pitbullgroße Meerschweinchen, steckten vor Vicentes Anlegestelle im Dreck. Sie hatten versucht, den Fluss zu durchqueren. Die Kuh des Nachbarn lief, auf der Suche nach Wasser, immer weiter in den Schlamm, bis sie stecken blieb und nach sieben Tagen starb. Ein Polizist klopfte am Abend bei Vicente und sagte ihm: nichts anfassen. Der Fluss sei giftig. "Es war ein Stich ins Herz", sagt Vicente, "mir wurden Boden, Heimat und Routine genommen." Noch heute denkt er täglich an das Ereignis, das sich nun zum dritten Mal jährt.

Am 5. November 2015 um 15.30 Uhr brach 300 Kilometer stromaufwärts der Damm des Absetzbeckens Fundão. Der Schlickteich aus Bergbauabfällen, Erzresten und Lösungsmitteln lief aus – der Müll aus mehreren Minen des Bergbaukonzerns Val do Rio Doce. Die Lawine rollte auf das Dorf Bento Rodrigues zu. 62 Millionen Kubikmeter. Die Welle schwappte am Dorf vorbei, klatschte gegen den Hang eines Hügels, machte kehrt und floss mitten durch Bento Rodrigues. Sie riss 200 Häuser mit, den Altar der Kirche, den Billardtisch aus Sandros Bar, Dutzende Autos, Straßenschilder, Ziegel, Müll. Die Bewohner retteten sich auf kleine Inseln im Meer aus Schlamm. Als die Welle vorbeigezogen war, wurden 19 Leichen aus der meterdicken Erdschicht geborgen.

Der Schlamm schwappte von Bento Rodrigues aus in den Rio do Carmo, drückte dessen Wasser aus dem Flussbett und überflutete die Ränder. 90 Kilometer östlich erreichte er ein Wasserkraftwerk, vor dem sich ein Großteil des Erzabfalls staute, nur ein Teil floss ab, in den Rio Doce. Als der Brei am 9. November Governador Valadares erreichte, die größte Stadt entlang des Rio Doce, verstopfte er die Leitungen der Wasserversorgung. Am 12. November wurde Wasser auf Lastwagen nach Governador Valadares gefahren, die ersten Lieferungen wurden geplündert. Am 13. November wurde das Militär nach Governador Valadares geschickt. Es dauerte eine Woche, bis die Stadt wieder Trinkwasser hatte. Sieben Tage später erreichte der Schlamm den Atlantik. Er tötete marines Leben im Umkreis von 40 Kilometern. Auf seinem Weg hatte er 228 Dörfer und Städte getroffen, sechs ausgelöscht. 86.000 Quadratkilometer – eine Fläche, so groß wie Österreich – wurden erstickt.

Die Lawine ist die größte Umweltkatastrophe der Landesgeschichte. Seit dem Unglück wurden Tausende Programme eingerichtet, zur Wiederherstellung und Prävention. Ziel ist: Der Rio Doce soll gesund werden. Hunderte Wissenschafter, Unternehmer und Aktivisten versuchen seither die Frage zu beantworten: Wie soll das gehen?

Der Rio Doce zieht sich über 853 Kilometer vom Hochland des Bundesstaates Minas Gerais bis in den Atlantik, vorbei an 4,1 Millionen Uferbewohnern, sein Becken hat eine Fläche von der Größe Portugals. Er ist einer der großen Flüsse des Landes. Nirgendwo in Brasilien ist die Landschaft so degradiert wie hier. Seit Kolonialzeiten werden an seinen Ufern Erze abgebaut, Gold, Diamanten, Zink, Eisen. Hier stand einst dichter Regenwald. Heute sieht man nur noch nackte, baumlose Hügel, Weideflächen für die Rinderzucht. Brasiliens einzige Eisenbahnstrecke zieht sich entlang des Rio Doce, um Erze aus dem Inland zum Hafen von Vitória zu bringen.