Die Kurbelwelle. Ein gegossenes Stück Eisen, etwa 40 Zentimeter lang, mehrere Kilo schwer. Sie ist das Herzstück eines jeden Verbrennungsmotors und wandelt das Auf und Ab der Kolben in Drehbewegungen um. Ohne sie fährt kein Benziner oder Diesel. Ihr Prinzip ist so alt wie das Automobil selbst. Trotzdem bereitet diese Kurbelwelle Olaf Möllhoff gerade Probleme. Der Ingenieur muss sich fragen, wie er sie in Zukunft über den Ärmelkanal bekommt.

Das Mini-Werk in Oxford, gelegen an der östlichen Umgehungsstraße A 4142. In gigantischen Hallen schweißen Roboter Autos zusammen. Über den Hof röhren schwer beladene Lastwagen. Der Deutsche Olaf Möllhoff, 54, empfängt im Bürogebäude 10.0, erster Stock, Directors Suite, aus dem Fenster schaut man auf den Parkplatz. Möllhoff ist Leiter der Logistik im zu BMW gehörenden Werk. Und hat damit gerade einen der härtesten Jobs bei Mini. Schuld daran ist die Politik. Am 29. März 2019 wird Großbritannien aus der Europäischen Union austreten. Was das für Unternehmen auf der Insel und auf dem Kontinent bedeutet, kann momentan niemand wirklich beantworten. Bislang gibt es keine Einigung zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich.

Was auch immer passiert: Möllhoff ist dafür verantwortlich, dass dann weiterhin Autoteile pünktlich ins Werk nach Oxford geliefert werden, dass Minis vom Band rollen und im Ausland verkauft werden können. Daran hängen letztlich nicht nur der Preis des Autos und die Bilanz der BMW-Tochter, sondern auch Arbeitsplätze, das Werk und der Ruf einer der bekanntesten Automarken der Welt. Möllhoff braucht dringend einen Plan für den Brexit. Ihm bleiben weniger als 150 Tage.

Sein Problem: Automobilproduktion ist wie ein Bausatz. Möllhoff zählt auf: Die Rücklichter für den Mini werden aus Spanien geliefert, die Bremslichter aus Polen, die Sicherheitsgurte aus Rumänien, die Räder aus Deutschland, der Schalthebel aus Ungarn, die Kurbelwelle aus Frankreich. Er könnte so weitermachen. Der Kühlergrill, die Sitze, die Auspuffrohre. Geliefert wird just in time, das heißt, in Oxford wird wenig auf Lager gehalten. Die meisten Teile erreichen das Werk erst, kurz bevor sie gebraucht werden.

All das liegt am Geld. Der Preisdruck in der Automobilbranche ist enorm. Bei jeder Schraube wird gespart. Jedes Teil wird dort gefertigt, wo es am günstigsten ist, und dann zur Montage geliefert. Weil auch die Lagerhallen Geld kosten, versucht man, so weit wie möglich darauf zu verzichten – das Lager für Teile und Autos sind die Lastwagen, auf denen sie von einem Ort zum anderen gefahren werden.

Insgesamt wird ein Mini aus rund 3.000 Teilen zusammengebaut – mehr als die Hälfte davon kommt aus der Europäischen Union. Eigentlich ist damit schon alles gesagt. Nur für den Fall, dass man es noch nicht verstanden hat, sagt Möllhoff: "Wir sind von einem reibungslosen Grenzverkehr abhängig. Darauf ist unsere gesamte Produktion, unser gesamtes Werk ausgerichtet." Anders ausgedrückt: Der Brexit bedroht die Art und Weise, wie Konzerne heute arbeiten. Das betrifft nicht nur BMW mit seinen Minis in Oxford.

Airbus ist dabei, bereits jetzt so viele Flugzeugteile wie möglich auf das europäische Festland, in die USA und nach China zu schaffen, damit die dortigen Fabriken notfalls ohne die Lieferungen britischer Werke arbeiten können. Nach dem Brexit kalkuliert der Flugzeughersteller mit zusätzlichen Lagerkosten von mehreren Millionen Euro.

Unternehmen drohen infolge des Brexits gewaltige Mehrkosten. So haben die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman und die Kanzlei Clifford Chance ausgerechnet, dass nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU Unternehmen in den Mitgliedsländern der Union pro Jahr etwa 35 Milliarden Euro für Zölle und andere Handelsbarrieren zahlen müssten, wenn sie Waren in das Vereinigte Königreich exportieren. Britische Unternehmen, die in die EU liefern, hätten mit zusätzlichen Kosten von rund 30 Milliarden Euro zu rechnen. Allein der japanische Automobilhersteller Nissan schätzt, dass der Brexit das Unternehmen rund 500 Millionen Pfund jährlich zusätzlich kosten könnte, was für das Werk im britischen Sunderland "katastrophal" sei, wie ein Vorstand im britischen Unterhaus sagte. Durch den Brexit sind zahlreiche Fabriken in ihrer Existenz bedroht, Tausende Arbeitsplätze in Gefahr. Besonders hart könnte es die Automobilbranche treffen, eine der letzten großen Industrien im Vereinigten Königreich.