Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

Mein Angela-Merkel-Gefühl © ZEIT ONLINE

Politische Bilanzen schreiben andere, mein Abschied soll persönlich sein. Auch deshalb gebe ich gern zu, dass ich vor diesem Tag, also vor dem Tag, an dem Angela Merkel ihren Rücktritt ankündigen würde, immer ein wenig Angst hatte. Selbst wenn er in den vergangenen Wochen beharrlich näher zu kommen schien. Manchmal war diese Angst kleiner, in anderen Momenten war sie größer. Aber ohne Angela Merkel wäre dieses Land nicht zu meinem geworden, ohne sie hätte ich darin als Frau, als Ostdeutsche keinen Platz gefunden. Oder anders gesagt: mich wahrscheinlich sehr viel unsicherer gefühlt.

Ihre Entscheidung, nicht noch einmal für den Vorsitz der CDU zu kandidieren und auch das Amt der Bundeskanzlerin nach dem Ende der Legislatur niederzulegen, hat Angela Merkel mit jener Größe und Würde verkündet, die ich vermissen werde. Für mich ist ihre Kanzlerschaft eine große, wichtige Zeit gewesen, die mich geprägt hat, mich sicher noch lange beschäftigen wird. Das Ende dieser Kanzlerschaft wird auch eine Zäsur in meinem Leben sein. Nicht nur, weil Angela Merkel eben die erste Frau und Ostdeutsche war, die da vor 13 Jahren ins Kanzleramt eingezogen ist, sondern weil stimmte, was zuletzt fast in Vergessenheit geraten ist: Angela Merkel war – ist – als deutsche Bundeskanzlerin neben wenigen anderen leader of the free world. Das auszusprechen ist den Amerikanern stets leichter gefallen als uns. Aber dennoch, Merkels spröder Glanz, ihr so unglamouröser Glamour hat auch auf jene abgefärbt, die ihn stets bestritten haben. Wir alle wurden größer darin.

Mein Deutschland-Gefühl, es ist in Wahrheit ein Angela-Merkel-Gefühl. Ich bin in dieses Gefühl eingezogen wie andere in ein Haus. Ich habe darin genauso selbstverständlich gewohnt wie auch das Kind. Es ist uns mit den Jahren wie zu einer zweiten Haut geworden. Ist es nicht das, was wir Heimat nennen? Ist es nicht das, wonach wir immer suchen, wonach wir uns sehnen? Mit Patriotismus hat das nichts zu tun, für männlichen Patriotismus hat sich Angela Merkel nie geeignet. Er schien nur in kurzen Momenten auf, wenn sie etwa im Fußballstadion saß und nach einem Tor der Nationalelf die Arme in die Höhe riss wie ein ungestümes Kind. In diesen Momenten konnte ich herzhaft lachen und Deutsche sein, in diesen Momenten bin ich es gern gewesen. Auch diese Momente werde ich vermissen.

Und die, wenn sie im Bundestag sprach, wenn sie nach manch durchkämpfter Nacht am folgenden Morgen in einem Fernsehstudio stand und mit Ruhe und Sachlichkeit erklärte, mit welchen nächsten Schritten man welche Vorhaben angehen würde. Sachpolitik gehörte zu jenen Dingen, mit denen mir bei ihr nie langweilig wurde. Sie konnte den Milchpreis erklären, die transatlantischen Beziehungen und das Kindergeld. Den Atomausstieg hat sie einfach durchgezogen, auch okay. Es schien nach Fukushima der richtige Moment. Dass sie die CDU in die Mitte rücken würde, mir war es recht. Ich habe diese Partei, von der wohl im Nachhinein niemand wirklich wird sagen können, ob es je die richtige für Angela Merkel war, nur ihretwegen gewählt. Ich wollte mit ihr noch lange in diesem Deutschland zu Hause sein.

Ich mag ihre Augenringe, die manchmal größer, manchmal kleiner sind, für mich sind es Augenringe des Vertrauens. Ich mag, wenn sie ihre Hände zu einer Raute faltet, wenn sie sie im Reden in der immer gleichen Bewegung öffnet und wieder schließt. Ich mochte es, wenn sie auf Obama, Putin, Macron oder wen auch immer traf. Stets lief sie, ihre rechte Hand weit ausgestreckt, auf den anderen zu, immer mit einem offenen Blick, manchmal ein bisschen peinlich berührt, wenn die Männer sie allzu fest umarmen wollen. Ich kann es nicht anders sagen, aber ich war in diesem Merkelschen Trippeln durch die Welt mit ihr unterwegs. Als sie den Dalai Lama im Kanzleramt empfing, als sie in Jerusalem erklärte, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson, als sie mit Putin wieder nächtelang um eine Einigung in der Ukrainekrise rang. Ich konnte mir niemand anderen an ihrer Stelle vorstellen.

Keiner stand in all den Jahren ihren Mann wie sie. Was hat sie nicht alles stoisch ertragen! Weggelächelt beinahe. Was für einen Panzer muss sie sich angelegt haben, um so weit zu kommen. In ihren frühen Jahren als Ministerin war alles an ihr im besten Falle komisch, unpassend eigentlich: Klamotten, Frisur, Lächeln, Gesten. Als sie 2005 endlich Kanzlerkandidatin wurde, haben viele, zu viele Journalisten gefragt: Kann die das überhaupt?