Und haben natürlich nicht jene Parteivorsitzende und Oppositionsführerin gemeint, die die CDU nach der Spendenaffäre um Helmut Kohl am Leben gehalten hat, nein: Man hat natürlich die Frau und Ostdeutsche gemeint.

Kann eine Frau das? Kann eine Ostdeutsche das? Auch in diesen Momenten fühlte ich mich mitgemeint, auch in diesen Momenten wurde mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, wie viel mehr eine Frau leisten musste, wie viel mehr Leistung von ihr erwartet wurde. Es wird vielen Frauen so gegangen sein. Das wird einer der Gründe sein, weshalb es ihr in all den Jahren so schwerfiel, auch öffentlich eine Frau zu sein, auch öffentlich zu ihrer ostdeutschen Herkunft zu stehen. Wie sehnsüchtig habe ich all die Jahre auf mehr gehofft, auf mehr gewartet. Als ich ihr einmal, das einzige Mal persönlich begegnete, führte sich mich in ihrem Büro zu einem großen Schachbrett, das ihr auf einer Reise geschenkt worden war. Die Dame in diesem Spiel war größer als alle anderen Figuren, sie zeigte auf sie und sagte schelmisch: Die Dame ist am Zug.

Auf einer großen Bühne hat sie leider äußerst selten so gesprochen, nur in den vielen Porträts, die über sie erschienen, war immer zu lesen, wie schlagfertig und witzig sie sein könne. Vielleicht werden wir eines Tages erfahren, ob diese Scheu in ihrem Charakter liegt oder ob sie sie schlicht für eine nötige Anpassungsstrategie an eine männlich und westdeutsch dominierte Gesellschaft hielt.

Viele Ostdeutsche haben ihr diese Zurückhaltung nicht verziehen. Und so weiß ich, dass ich mich mit diesem Text vor allem in den Augen einiger meiner ostdeutschen Landsleute ziemlich lächerlich mache. Ich habe deren Wut auf den Marktplätzen gesehen, ich habe ihre Pfiffe und "Merkel muss weg"-Schreie mehr als einmal gehört. Sie klangen ohrenbetäubend. Angela Merkel war in solchen Momenten nicht zu beneiden, sehr einsam stand sie da ihren eigenen Leuten gegenüber. Natürlich waren auch das historische Momente.

War deren Wut mein Ansporn? Kam daher mein Respekt für sie? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich bis zuletzt die Hoffnung nicht aufgeben wollte. Darauf, dass dieser Spalt sich wieder schließt, dass sie ihn wieder wird schließen können. Nicht nur, damit ich diese beiden Enden, die gleichsam die beiden Enden meiner Herkunft sind, eines Tages wieder werde zusammenbringen können. Ihren Weg in die Machtzentren der Welt und die Wut der Ostdeutschen, die sie hinter sich ließ. Das ist auch eine nicht unwesentliche Geschichte unserer Gegenwart. Sie bleibt vorerst ungelöst.

Ihre Entscheidung, die deutschen Grenzen im Sommer 2015 in Anbetracht der Hunderttausenden von Flüchtlingen nicht nur nicht zu schließen, sondern damit eine Willkommenskultur zu stiften, das bleibt der strahlendste Moment ihrer Kanzlerschaft. Ich sage das, obwohl ich weiß, dass es das Land zerrissen hat und noch immer zerreißt. Dass es der Grund dafür ist, dass sie nun ihren Rückzug angekündigt hat. Aber ich bin mir auch sicher, dass wir eines Tages feststellen werden, dass sie recht hatte. Dass ihr "Wir schaffen das"-Satz das größte Kompliment gewesen ist, dass sie uns machen konnte. Sie hat uns Deutschen damit ein Stück ihrer Größe und Würde als Auftrag zurückgegeben. Und wir werden es schaffen, nun auch ohne sie.

Eigentlich sagt man das nur über Männer. Aber nun sage ich es über sie: Angela Merkel ist ein großer Staatsmann. Eine große Staatsmännin. Oder nein, sagen wir doch am besten gleich: Angela Merkel ist eine große Staatsfrau.