Dieses Buch kommt als unscheinbarer Regionalkrimi daher. Auf den ersten Blick wirkt es eher unzugänglich mit seinem lateinischen Titel und dem beigefarbenen Cover, das neben einem Behördenstempel auch noch eine Heftklammer und das Polaroid eines ausgebrannten Wohnmobils zeigt. Der Stempel besagt "Anwaltskrimi Köln": Ah, nur für rheinische Juristen! Doch Anwälte und Richter sind die Einzigen, die diesen Roman eines Bonner Anwalts über einen fiktiven Kölner Anwalt besser nicht lesen sollten, denn sie kommen denkbar schlecht weg. Alle anderen wird die David-und-Goliath-Geschichte sehr amüsieren. Sie spielt zwischen einer vielköpfigen Kanzlei in einem postmodernen Glasbau hier und einem namenlosen Anwalt da, der in einer ehemaligen Autowerkstatt wohnt und gleich zu Anfang einen potenziellen Mandanten hinauswirft, nachdem der sich seiner Hilfe beim Austricksen eines gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiters versichern wollte.

Der Anwalt, der auch Erzähler ist, gebraucht seine Fälle lieber als Hebel, um die Maschinerie der routinierten Rechtsprechung aus den Angeln zu wuchten. Als zwei Roma-Männer mit Schnauzbart und Zigarrenstummel, aber ohne Rechtsschutzversicherung in seinem Büro vorsprechen, sitzt er schon am nächsten Abend an ihrem Lagerfeuer in einer Barackensiedlung neben der öffentlichen Müllhalde. Dort lernt er Chakka kennen, der von Unbekannten angefahren und im Krankenhaus möglicherweise Opfer einer Fehlbehandlung wurde. Nun ist er von der Hüfte abwärts gelähmt.

Die geheimnisvolle Zigeunermatriarchin Luminitz wettet darauf, dass Zigeunerblut in den Adern des Anwalts fließt. Tatsächlich können seine unorthodoxen Methoden, das intuitive Vorgehen und der unbeeindruckte Blick, den er auf seine Berufsgenossen wirft, sich mit der Mentalität des fahrenden Volkes messen. Hier treffen sich Anarchos aus zwei himmelweit voneinander entfernten Lagern, wobei es seitens unseres Anwalts ein vom Zeitgeist gereiztes Bildungsbürgertum ist, das die Lunte legt. Seine mit Nietzsche geteilte Vorliebe für "Scherz, List und Rache" bringt ihn nicht nur in die U-Haft, sondern auch wieder heraus. Er lässt sich eine Nudelmaschine in die Zelle liefern und bewirtet die Knackis mit Sauternes und Gänsestopfleber. In den Freigangstunden konsultiert er und hat bis zu seiner Entlassung 80 Mandate an Land gezogen. So sieht begnadete Vorurteilslosigkeit aus.

Das durch die Bank originelle Personal wird vom Erzähler gleichsam filetiert dargeboten, als unterhaltsame Karikatur oder als giftig-knappes Psychogramm. Und weil letztlich die Motivation der Akteure über den Handlungsverlauf entscheidet, trägt er damit zur Spannungssteigerung bei. Irgendwie schafft es der Erzähler sogar, uns neben strafrechtlichen Erörterungen und philosophischen Reflexionen auch seitenlange Zitate zum vorschriftsmäßigen Schnitt einer Richterrobe unterzujubeln.

Gerade weil der Krimi reich an Glückswechseln ist, entfalten seine Kommentare einen retardierenden Reiz. Wohl oder übel sind wir an die Weltsicht dieses Anwalts gebunden, der mit seinem Hund oft grübelnd spazieren geht und dabei joggende Senioren in engen Cat-Suits ebenso verabscheut wie "nass geschwitzte, keuchende, ihren Rotz ausspuckende, schweißstinkende Mittdreißiger", die alle naslang ihr Wasser abschlagen. Und wer wollte noch seinem vernichtenden Urteil über die Haftrichterin widersprechen, die "morgens im Bad mindestens anderthalb Stunden zubringen musste, nämlich eine halbe Stunde für die übliche Hygiene, eine halbe Stunde für den Schaumfestiger und den Dutt und mindestens eine weitere halbe Stunde zum Schminken. Mancher braucht gar keine Haftstrafe, um unfrei zu sein."

Es dauert eine Weile, bis man erkennt, dass es sich beim Erzähler um einen Romantiker handelt. Mag sich das von E.T.A. Hoffmann, Mörike, Kleist und vielen anderen gefeierte Zigeunerleben heute kaum mehr zur Verklärung eignen, Hambitzer gelingt es. Wir empfinden seine Mandanten nie nur als Opfer, sondern immer auch als stolze Repräsentanten der letzten Alternative zum kleinbürgerlichen, sich mit den Macht- und Konsumverhältnissen arrangierenden Dasein. Das ist vor allem Luminitz zu verdanken, der Tränke brauenden, Flüche bastelnden Hellseherin, die am Ende alle Fäden in der Hand zu halten scheint. Und es verdankt sich dem kavaliersmäßig spielerischen Umgang der Roma mit Geld. 15.000, 50.000, eine oder zwei Millionen, die anvisierte Entschädigungssumme schwankt wie die Börse, und sie quittieren jeden Zwischenstand mit olympischem Gelächter. "Die Zigeuner scheinen immun gegen den Fortschritt", zitiert der Anwalt den flämischen Künstler Jan Yoors, "sie leben in einem immerwährenden Heute. Sie scheinen damit zufrieden, am Rande der Geschichte zu leben, wohl weil sie den Hauch der Ewigkeit spüren. Sie sind in ständiger Bewegung, wie im Wind sich wiegende Zweige oder fließendes Wasser."

Am Ende dieses Buches sind die Roma von einem Tag auf den anderen verschwunden. Sie haben sich zweieinhalb Millionen in bar auszahlen lassen und im teuren Anwaltsbüro genüsslich nachgezählt. Vor ihrem Abgang montieren sie alle Fenster aus den Baracken: "Die Regenrinnen waren weg. Die Zigeuner hatten alles, was nicht niet- und nagelfest war, abgebaut und an Schrotthändler verkauft." Im Recycling sind sie uns deutlich voraus.

Ulrich M. Hambitzer: De Lege Artis
Anwaltskrimi Köln; Edition Lempertz, Königswinter 2018; 192 S., 9,99 €, als E-Book 5,99 €