I. Das Geheimnis der Jahresringe

Wer einen Alten Meister kauft, will sichergehen, dass der auch alt ist. Aber das ist Tafelbildern nicht unbedingt anzusehen. Wohl aber dem Holz des Malgrundes. Und da Bosch, Dürer, Holbein und Baldung Eiche bevorzugten, Cranach neben Linde, Fichte, Tanne vor allem auf Buche malte, ist eine verhältnismäßig genaue Altersbestimmung möglich. Denn Bäume setzen unterschiedliche Jahresringe an. Durch den Vergleich der Jahresringe mehrerer Bäume lassen sich Chronologien – jeweils auf eine Baumart und eine Rsegion bezogen – erarbeiten, anhand deren rekonstruiert werden kann, wann der Baum, dessen Holz als Balken eines Hauses oder als Malgrund für ein Gemälde diente, gefällt wurde.

II. ... da lebte der Maler nicht mehr

Begründer der Dendrochronologie ist der amerikanische Astronom Andrew E. Douglass, der zu erkunden suchte, ob es eine Korrelation zwischen dem Sonnenfleckenzyklus und dem Erdklima gibt. 1912 stellte er den ersten Jahresringkalender zusammen, der 585 Jahre erfasste. Inzwischen gibt es Tabellen, die bis ins 8. Jahrhundert zurückreichen. Mithilfe von Computerprogrammen lässt sich so das Alter von Holz feststellen. Daraus ergibt sich, wann ein Gemälde frühestens entstanden sein könnte. So ist das einst Holbein dem Jüngeren zugeschriebene Gemälde eines Jungen Mannes mit Totenkopf in der National Gallery erst viele Jahre nach dessen Tod entstanden.

III. Gut abgelagert

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Tafeln für Gemälde erst eine gewisse Zeit lagern mussten, um durchzutrocknen und sich nicht zu verziehen. Im 15. Jahrhundert waren das bei Eiche und Buche mehr als zehn Jahre. Aber auch dann bleibt offen, ob der Künstler die Tafel recht bald benutzt hat oder ob sie weitere Jahre in seiner Werkstatt lag.

IV. Die Tücke des Fälschens

Dass sich diese Altersbestimmungen für Fälscher als tückisch erweisen können, belegt der Fall Beltracchi. Die Keilrahmen der falschen Campendonk, Pechstein, Léger und Derain stammten alle von demselben Baum, obwohl diese Künstler ihre Malutensilien gewiss nicht beim gleichen Händler kauften. Gewiefte Fälscher sichern sich jedoch, wenn irgendwo eine sehr alte Scheune abgerissen wird, die Balken und Paneele. Wenn sie daraus eine "echte alte Madonna" schnitzen, brauchen sie eine dendrochronologische Untersuchung nicht zu fürchten.