Der Name spricht Bände, wenn auch nicht in einer verständlichen Sprache. Wo beginnen? Vielleicht bei dem Pop-Art-Porträt an der Wand. Es zeigt einen fülligen Mann mit Kussmund und Sonnenbrille. Das ist der 1997 erschossene Rapper The Notorious B.I.G., auch bekannt als Biggie Smalls. Zwanzig Jahre nach seinem Tod eröffneten zwei junge Hamburger im Grindelviertel das Diggi Smalls, "wegen Digger und so, verstehst du?". Der Mann hinterm Tresen erklärt das sicher x-mal am Tag, trotzdem muss er immer noch grinsen: "Ist ein bisschen um die Ecke gedacht."

Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Biggie war kein Kostverächter; so weit ergibt es Sinn, ihm ein Lokal zu widmen. Bloß führt die Geschichte geschmacklich in die Irre. Der Imbiss in der Grindelallee versucht sich keineswegs an einer kulinarischen Ausformung des Hip-Hops – kein Jahrgangs-Champagner, keine Cohibas, kein Cognac aus Damenstiefeln. Angeboten wird hauptsächlich "Oriental Street Food".

Den Grund dafür muss man nicht lange suchen, er ist biografisch. Die Besitzer haben türkische und iranische Wurzeln.

Die Einrichtung ist bunt, aber nicht beliebig zusammengewürfelt. Auf der breiten Fensterbank liegen türkische Kissen, auf denen man es sich gemütlich machen kann; das ist die nahöstliche Komponente. Der Rap kommt auf den Plattenhüllen über dem Tresen zu seinem Recht; und die Neunziger leben im Super Mario-Videospiel auf, das über einen Röhrenfernseher flimmert. Wer mag, darf eine Runde spielen.

Dass in dem Laden vor allem Studenten einkehren, ist bei der Lage kaum überraschend. Wer das erste Mal hier ist, wird bei seinem wahrscheinlichen Kenntnisstand abgeholt – bei Falafel und Döner: "Haben wir beides nicht." Man beginnt seine Mahlzeit mit ein paar Meze zum Teilen: frischem Fladenbrot, Dips auf Tomaten- oder Joghurtbasis, Hummus, Börek-Zigarren (der Größe nach eher Joints). Manches wie der auberginenarme Auberginensalat erscheint noch nicht ganz ausgereift; der Charme des Hausgemachten nimmt trotzdem dafür ein. Spezialität des Hauses sind Wraps, die aber nicht so heißen – verständlicherweise. Man denkt dabei ja an traurige kalte Rollen mit pseudoexotischer Füllung, die in Auslagen der Flughafen-Lokale vor sich hin dämmern. Die "Roll ups" im Diggi Smalls dagegen werden erst nach der Bestellung befüllt, mit frisch am Spieß gegrilltem Fleisch samt Sauce und Salat. Sie tragen lustige Namen wie "Gotta Beef" oder "Lamb DMC" und kommen in Retro-Emailschalen an den Tisch. Da steckt eine Menge Leben drin, auch dank kräftiger Gewürze von Safran bis Sumak. Man sollte nur darauf gefasst sein, dass die Sauce irgendwann unten rausquackt.

In der Frage des Alkohols sind die Besitzer pragmatisch. Es gibt Wein, auch wenn er nicht auf der Karte steht. Aber der ist so schlecht, dass man ganz von selbst auf die Idee kommt, einen der wirklich frisch gepressten Fruchtsäfte zu trinken, Wassermelone zum Beispiel oder Apfel-Karotte-Ingwer.

Biggie Smalls hätte man damit wohl nicht kommen dürfen. Der schwor auf pappsüße Trauben-Limo, gern auch zum T-Bone-Steak. Das gibt es hier nicht, dafür eine kleine und erfrischend unfeine Auswahl an westlichem Junkfood. Selbst geschnittene Pommes frites, verfremdet mit Feigen-Mojo oder Granatapfel-Ketchup. Und vor allem die frittierten Bällchen, gefüllt mit Maccaroni Cheese, der US-Verballhornung italienischer Pastaküche. Man kann sich mit Grausen von diesen Cholesterinbomben abwenden, aber auf ihre Art sind sie kaum zu übertreffen.

Schön, dass sich mal jemand traut, die biedere Uni-Viertel-Küche mit ihren Bowls und Veggie-Burgern ein wenig aufzumischen.