Heinrich Bedford-Strohm ist seit vier Jahren Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. In seiner Rede zum Reformationstag widmet er sich der Digitalisierung.

Wie sehr die digitale Technologie zum unverzichtbaren Teil meines eigenen Lebens geworden ist, wurde mir erstmals in meiner Studienzeit in den Achtzigerjahren klar. Bei einer Straßenblockade gegen einen Atomwaffen-Transport in Mutlangen war ich verhaftet und zu 15 Tagessätzen verurteilt worden. Ich wollte zunächst nicht zahlen, sondern die Strafe absitzen. Als der Gerichtsvollzieher mir aber den Kuckuck auf mein wertvollstes Eigentum klebte, zahlte ich sofort: Denn es war der Computer, auf dem ich bereits die ersten Teile meiner Doktorarbeit verfasst hatte. Meinen Computer hergeben, das war schon in den Achtzigerjahren keine Option mehr. Aber hätte man mich damals gefragt, wie sehr die digitale Technologie unser Leben verändern würde: Ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Und doch ist es so gekommen, sowohl im öffentlichen Diskurs als auch im privaten Miteinander. Jede dritte Ehe in den USA startet im Netz. Und der digitale Wandel setzt ungebremste Fortschrittsfantasien frei: Wir werden alle Begrenzungen unserer menschlichen Natur überwinden, so ist zu hören. Der Titel eines in den letzten Jahren intensiv diskutierten Buches illustriert dies deutlich: Homo Deus von dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari, darin erzählt er uns die Geschichte unserer Zukunft.

Theologie und Kirche müssen Tempo aufnehmen, um sich klarer als bislang in die gesellschaftliche Debatte über die Digitalisierung einzubringen. In einer Nische wohlfeiler Untergangsprophetie zu verharren hilft angesichts des großen öffentlichen Orientierungsbedarfs niemandem. Doch ethisch bleibt die digitale Welt oft noch Terra incognita.

Digitalisierung ist weder Verheißung noch Verhängnis. Sie muss und kann verantwortlich gestaltet werden. Die christliche Tradition birgt wertvolles Orientierungswissen genau für diese Gestaltungsaufgabe. Wir als Kirche sollten daher einen menschendienlichen technologischen Fortschritt nicht unter ethischen Generalverdacht stellen. Die Digitalisierung kann segensreiche Wirkung entfalten, etwa wenn sie neue medizinische Therapien ermöglicht, wenn durch Fernüberwachung eine sich anbahnende Herzattacke rechtzeitig entdeckt wird, wenn sie Bewegungseinschränkungen oder andere Hindernisse für soziale Teilhabe überwindet.

Welche Gefahren die digitale Revolution aber auch mit sich bringt, zeigt die Entwicklung unserer Kommunikationskultur. Kurz nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes in Chemnitz baute sich im Internet eine Flut von Fake-News auf, voller Verschwörungstheorien und extremistischer Inhalte. Das Gefährliche daran: Fake-News und Hassbotschaften erzeugen höhere Klickzahlen und längere Verweildauer im Internet. Das ist für die Werbeeinnahmen förderlich. Und so spült der Algorithmus solche Inhalte in der Aufmerksamkeit immer weiter nach oben. Wahrheits- und Qualitätskriterien treten hinter die Logik des Kommerzes zurück. Die Verstärkung der eigenen Auffassungen tritt an die Stelle eines kritischen Diskurses.

Bereits heute ist der digitale Tribalismus zum attraktiven Geschäftsmodell der Netz-Ökonomie geworden. Wir müssen uns daher dringend um eine sozial verträgliche Ausgestaltung der Geschäftsmodelle von Netz-Giganten kümmern. Wir sollten die Gestaltung des öffentlichen Diskursraumes dabei weder dem Markt allein überlassen noch sie einer staatlichen Kontrolle unterwerfen, die zur autoritären Zensur ausarten kann. Das pluralismusfreundliche Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zeigt: Öffentliche Verantwortung kann auch so gestaltet werden, dass wir Zensurgefahren vermeiden.