Die Dynamik der Veränderung hat einen Ursprungsort. Es ist das Silicon Valley – jener Landstrich an der Westküste der Vereinigten Staaten, wo die großen Firmen Apple, Google und Facebook sitzen. Etwa dreißigtausend Start-ups arbeiten daran, ihre Ideen in Produkte zu verwandeln und Bahnbrechendes zu entwickeln. In der Sprache des Valley sind das moonshots ("Mondschüsse"), die im Idealfall aus einem startup ein unicorn ("Einhorn") werden lassen: ein Unternehmen, das mindestens eine Milliarde Dollar wert ist.

Verschiedene Faktoren haben aus dem Silicon Valley einen einzigartigen Ort gemacht. Da sind die beiden Elite-Universitäten Stanford und Berkeley. Da war ein Industriepark, wo Elektronikunternehmen wie Hewlett-Packard ihren Ursprung haben. Da ist das Moffett Federal Airfield, 1933 gebaut und im Zweiten Weltkrieg zentraler Militärflughafen, wo sich Rüstungs- und Technologiekonzerne ansiedelten, die später für die Raumfahrt arbeiteten. Die ersten Computer Mitte des 20. Jahrhunderts waren Großcomputer, die unter anderem vom Militär genutzt wurden. Später kamen junge Idealisten, die ihre Ideen und ihre Software in Computerclubs teilten. Zwar wurde daraus bald knallharte Ökonomie mit Monopolisierungsansprüchen. Bill Gates avancierte mit Microsoft zu einem der reichsten Menschen unserer Zeit. Steve Jobs führte Apple in schwindelerregende Erfolgshöhen. Doch hinter der Dynamik der Digitalisierung steckten Ideale. Sie sind noch immer erkennbar im Motto von Google: "Don’t be evil!" ("Sei nicht böse!"). Und Larry Page, einer der Gründer von Google, sagt: "Wir denken viel über grundlegende Probleme des Menschseins nach und wie wir sie durch Technologie lösen." Er will Produkte, die nützlich sind und so die Welt verbessern.

Ob das Nützliche die Welt verbessert, darüber lässt sich streiten. Doch im Silicon Valley gibt es einen ausgeprägten Willen, eingefahrene Bahnen zu verlassen. Dort sind viele bereit, immer wieder Neues zu probieren, ohne Angst vor dem Scheitern. Ihr Motto lautet: Lerne schnell, scheitere schnell. Um nicht selbst Opfer neuer Technologien zu werden, müssen sie immer Neues wagen. Hocheffektiv ist der Weg, aus einer ersten Idee möglichst schnell ein minimum viable product (minimal funktionsfähiges Produkt) zu machen und im Kontakt mit Nutzern weiterzuentwickeln. Charakteristisch ist, dass Neues in der Regel in Teams entsteht. Gezielt wird darauf gesetzt, dass unterschiedliche kulturelle Herkunft auch neue Zugänge eröffnet. Hinzu kommen sehr agile Förder- und Finanzierungsmethoden.

Ich hatte im vergangenen Jahr Gelegenheit, bei einer kleinen Studienreise ins Silicon Valley zu lernen, wie dort gedacht und gearbeitet wird. Besonders beeindruckte mich, als ein junges Start-up ein System vorstellte, mit dem eine Wohnung komplett überwacht werden kann. Zielgruppe: ältere Menschen, die nicht in ein Seniorenheim möchten. Überwachungskameras sind mit einem System gekoppelt, das über künstliche Intelligenz gesteuert wird. Daten werden nur nach außen gegeben, wenn die Person selbst sie sendet oder das System einen Notfall erkennt. Ich war fasziniert und zugleich tief verunsichert.

Wissenschaftliche Neugier und wissenschaftlicher Ehrgeiz sind Kräfte, die die Welt verändern. Menschen aber sind mehr als Maschinen. Die Theologen und die Philosophen reden daher vom Geist und von der Seele. Die Digitalisierung stellt uns neu vor die Aufgabe herauszufinden, was Menschen guttut und was Menschen schadet.