Neulich musste Christoph Lieben-Seutter mal wieder einen Konzertflügel enthüllen. Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie stellte der Hamburger Klavierbauer Steinway eine Sonderbaureihe vor, acht Flügel, entworfen als Hommage an das Konzerthaus – im Schalldeckel spiegelt sich die Glasfassade, das Notenpult, geschnitten aus demselben Holz wie das Parkett im Foyer, ist so gezackt wie die Silhouette des Hauses, die Sitzbank ist mit demselben Stoff bezogen wie die Stühle im Großen Saal.

Als er das Tuch vom Flügel zieht, verzieht Lieben-Seutter keine Miene. Schwer zu sagen, ob ihm der Flügel gefällt, aber diese Frage stellt sich nicht. "Ich bin schon stolz", sagt er, "da gibt es nichts." Sein Grußwort dauert exakt fünf Minuten und ist Beleg für eines seiner größten Talente: sein Gegenüber zu umschmeicheln in einem Temperament, als lese er den Stellenplan der technischen Abteilung vor, wodurch die Eloge aber nicht unangenehm wird, man glaubt ihm jedes Wort. Diese Art wird oft als Nonchalance gedeutet, dabei ist sie vor allem routiniert. Lieben-Seutters Kalender ist voll mit Terminen, die für alle anderen im Saal ganz besondere Momente sind. Dieser hier, sagt er, sei aber auch für ihn besonders: weil er gleich zum ersten Mal einen selbstspielenden Flügel erleben werde – einige der Instrumente können mit einer eigens entwickelten Technologie Werke wiedergeben, die Stars wie Olga Scheps oder Lang Lang eingespielt haben. Das Licht wird gedimmt, und Christoph Lieben-Seutter, zu Gast im eigenen Haus, hört auf dem Flügel, den er gerade enthüllt hat, wie von Geisterhand Yuja Wang spielen.

Große Kunst, ohne dass dafür jemand auf der Bühne und hinter den Kulissen bis an die Grenze der Belastbarkeit gehen muss – daran arbeitet Lieben-Seutter in der Elbphilharmonie bislang noch.

Zehn Tage nach diesem Abend verschickt die Kulturbehörde eine E-Mail mit der Mitteilung, der Aufsichtsrat der Hamburg Musik GmbH habe Lieben-Seutters Vertrag vorzeitig um drei weitere Jahre verlängert, bis zum Ende der Saison 2023/24. Keine Selbstverständlichkeit zu einem so frühen Zeitpunkt, aber auch keine Überraschung. Die Elbphilharmonie steht sehr gut da, besser, könnte man meinen, kann es nicht werden. Lieben-Seutter, 54, steht auf dem Gipfel seines Erfolgs.

Nach außen, an den Konzertkassen, ist die Elbphilharmonie zurzeit ein Selbstläufer. Im Inneren aber lief seit der Eröffnung kaum etwas von selbst. In den vergangenen Monaten zeigte sich, dass das Haus noch komplexer ist als ohnehin erwartet. Momentan ist Christoph Lieben-Seutter mit seinem neuen kaufmännischen Direktor Jochen Margedant dabei, Businesspläne zu entwickeln. Die alten Pläne sind Makulatur, sowohl die Einnahmen als auch die Kosten bewegen sich in völlig anderen Dimensionen als noch vor ein paar Jahren angenommen. Fast jede Kennzahl, jedes Ziel ist in irgendeiner Form übertroffen worden: die Zahl der Konzerte, der Proben, der Mitarbeiter, der externen Techniker, der Hausführungen, der Besucher auf der Plaza.

Die Elbphilharmonie fährt unter Volllast. Und Lieben-Seutter gibt alles dafür, die Schlagzahl noch zu steigern.

Wenn Kultursenator Carsten Brosda Lieben-Seutters Verlängerung einen Glücksfall für die "Kulturstadt Hamburg" nennt, das "unverwechselbare Profil" lobt, das er der Elbphilharmonie gegeben habe, dann liegt das durchaus am Programm, das in den ersten Monaten stattfand. Weil ohnehin alles ausverkauft war, wagte Lieben-Seutter etwas und bot überdurchschnittlich viel zeitgenössische Musik an, Kennerprogramme, die anderswo ein Ladenhüter sind. Sein Erfolg hängt aber nicht nur davon ab, was auf dem Spielplan steht, sondern: wie viel. Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant und oberster Programmplaner, begreift sich selbst als Manager. Und einem Manager liegt zuerst am Herzen, dass die Zahlen stimmen.

Lieben-Seutters Ziel lautet: so früh wie möglich mit dem Etat auszukommen, den ihm die Kulturbehörde gewährt. Das Minus von 1,2 Millionen Euro, das er im Wirtschaftsplan für die Eröffnungssaison anmeldete, reduzierte er auf ein Drittel. In der aktuellen Saison, für die nur noch ein halb so großes Defizit veranschlagt ist, soll es wieder so laufen. HamburgMusik, die städtische Tochtergesellschaft für den Konzertbetrieb in Elbphilharmonie und Laeiszhalle, läuft mit einem Etat von sechs Millionen Euro jährlich zwar voll auf Kosten der Stadt. Als eine städtische Veranstaltungsagentur steht Lieben-Seutters Unternehmen aber kurz vor dem Break-even.

Das geht nur, weil Lieben-Seutter bereit ist, das Haus und seine Mitarbeiter an die äußerste Grenze der Belastbarkeit zu bringen. 260 Veranstaltungen waren für das erste Jahr im Großen Saal geplant, stattgefunden haben 380, ein gutes Drittel mehr. Ähnlich ist es im Kleinen Saal. Dazu kommen über tausend Erziehungsprojekte und nochmals tausend Musikworkshops für Jugendliche, mehr als doppelt so viele wie geplant. Und in allen Bereichen, bei den eigenen Konzerten wie den Vermietungen, sieht der Wirtschaftsplan eine erneute Steigerung vor. Sein Konzerthaus, sagt Lieben-Seutter, komme ihm vor wie eine Fabrik. In allen Etagen des Hauses wird unter Hochdruck gearbeitet, und nicht nur da: Es gab Wochen, in denen in Hamburg kein freiberuflicher Techniker mehr zu bekommen war, weil alle, die es gab, in der Elbphilharmonie gebucht waren.