Die Mobilität der Zukunft scheint fade. Die Automobilindustrie arbeitet am autonomen Fahren. Aus Freude am Fahren wird die Zufriedenheit, anzukommen. Ein eigenes Auto braucht es dazu nicht mehr. Hauptsache, das Ding lotst mich schnell durch den Stau, bringt mich sicher ans Ziel und fasst genügend Gepäck. Volkswagen-Chef Herbert Diess sieht eine neue Ära hereinbrechen. "Der Elektroantrieb", sagte er kürzlich im Interview mit dem Handelsblatt, "gibt den Autoherstellern nicht mehr so viele Unterscheidungsmöglichkeiten, wie wir das heute noch gewohnt sind."

Für die Autoindustrie, allen voran die deutschen Premiumhersteller, wäre dies der Horror. Statt wie bisher mit PS, schicken Karossen und dem Fahrerlebnis zu wuchern, bliebe ihnen nur noch der harte Wettbewerb über Preis und Effizienz. Für die Arbeitsplätze hierzulande bedeutete dies den GAU.

Das Szenario ist überspitzt, doch der Trend geht in diese Richtung. Angesichts der Herausforderungen muss das Auto neu gedacht werden. Die Autoindustrie benötigt eine Utopie für ihre Produkte in Zeiten der Digitalisierung und Elektromobilität, bei der es nicht nur um Nützlichkeit gehen darf.

Eine könnte das Auto als Kunstobjekt sein. Das Bedürfnis, sich zu differenzieren und seinen gesellschaftlichen Status zum Ausdruck zu bringen, ist nicht nur so alt wie die Menschheit selbst. Es war auch in den ersten Jahrzehnten schon ein Thema der Autoindustrie. Jeder dreht sich heute auf der Straße nach Oldtimern um: nach dem VW-Käfer mit der geteilten Heckscheibe, der muschelartigen DS von Citroën oder dem auftrumpfenden Mercedes 300 SL. Karosseriebauer wie Ghia aus Italien schrieben Designgeschichte. Doch mit dem Gebot, windschlüpfige, weil spritsparende Fahrzeuge zu bauen und die Kostenvorteile der Massenproduktion zu nutzen, kam die optische Eintönigkeit. Viele Autos unterschieden sich nur noch in der Ausstattung in Bezug auf Farbe, Motorstärke und Interieur.

Ein neues Verständnis des Autos als Kunstobjekt ist möglich. Dazu müsste sich die Autoindustrie wieder an ihre Ursprünge erinnern und diese mit den neuen Fertigkeiten der Produktion und der Digitalisierung kombinieren.

Die Möglichkeiten sind schier unendlich, allein schon deshalb, weil die Fahrzeuge sich technisch verändern. So werden langfristig zahlreiche Bedienelemente wie Lenkrad, Pedale, Schalthebel, Instrumententafel obsolet. Das eröffnet riesige Chancen der Differenzierung, zum Beispiel über den Komfort. Wieso sollte es bei Autos künftig nicht wie beim Fliegen eine Business Class geben, in der sich die Sitze während der Fahrt in Liegeposition stellen lassen, in der der Fahrer längere Strecken über Nacht zurücklegt und ausgeschlafen ankommt?

Grundsätzlich werden die Hersteller nicht umhinkommen, die Individualisierung des Autos auf die Spitze zu treiben und sich ein jeweils neues Markenimage zuzulegen. Die Produzenten teurer Luxusuhren zu kopieren scheidet aber aus, da das Auto, gemessen an den gigantischen Produktionszahlen, ein für viele erschwingliches Konsumgut bleiben muss. Als Vorbild und Ideengeber können trotzdem die Uhren herhalten, und zwar die des Schweizer Herstellers Swatch. Auf seiner Website findet sich die Abteilung "Swatch X You", in der die Kunden sich ihre individuelle Uhr konfigurieren können. "Die Kreativität hat ein Upgrade bekommen", lockt Swatch. "Beginnen Sie mit der Auswahl der Größe und fertigen Sie Ihr eigenes Kunstwerk an."