Es ist kein Zufall, dass ein Theaterstück seiner ersten Frau Veza den Titel Oger trug. Sie hatte zur täglichen Begutachtung einen solchen menschlichen Unhold an ihrer Seite. Spätestens in den 2011 publizierten Briefen an die Malerin Marie-Louise von Motesiczky hat sich Elias Canetti auch für den wohlwollenden oder nichtsahnenden Leser als das egomane Monstrum enttarnt, das er zeit seines Lebens war. In der ménage à quatre, in der er in London eine Weile lebte, tippte seine Frau Veza ihm einarmig die Manuskripte ab, während er die zwei anderen Geliebten drakonisch überwachte. Der Kritiker Peter Hamm schrieb nach dieser Veröffentlichung von Canettis "Napoleon-Komplex" und dem "Zorn eines ewig beleidigten Gottes".

Der neu erschienene Korrespondenzband, bunt gemischt, um ein Drittel zu lang und allzu asketisch kommentiert (selbst dem Namensregister lässt sich nicht entnehmen, welche Person nur beiläufig erwähnt wird und welche Empfänger eines Briefes ist) – dieser neue Band, mit Adressaten wie Adorno, Thomas Bernhard, Claudio Magris, Marcel Reich-Ranicki oder Frank Schirrmacher, zeigt uns Canetti überwiegend als zivilisierten, oft herzlichen und fast immer diplomatischen Verwalter seines wachsenden Ruhms. Aber es blitzt doch der Oger immer wieder durch.

Ein Oger mit Gewissen, ein Oger, geplagt von Schuld. Der Briefband macht es an einem Beispiel deutlich, das in der Canetti-Biografie des Mitherausgebers Sven Hanuschek noch anders dargestellt wird. Lange Zeit machte Canetti sich Vorwürfe, weil er einen Abend mit einem Freund verbracht hatte, der sich fünf Tage später erhängte – und er, Canetti, der Spürhund und einsame Widersacher des Tods, hatte nichts davon bemerkt. Vielleicht hätte er ihn durch gutes Zureden davon abhalten können? Schon seine Mutter und seine erste Frau Veza hatte er immerzu vom angedrohten Suizid abhalten müssen, da hatte er eine gewisse Routine. Wie der ausnahmsweise gesprächige Kommentar verrät, war sein schlechtes Gewissen in diesem Fall aber unberechtigt. Der österreichische Literatur und Kritik- Herausgeber Gerhard Fritsch hatte sich nicht in selbstmörderischer Absicht erhängt, er hatte sich "vermutlich bei einem sexuellen Abenteuer stranguliert – ein Unfall". Canetti hätte sich weniger grämen müssen; dass er es tat, macht ihn bei aller sonstigen Monstrosität liebenswert.

Er selbst hatte, nach eigenem Befund, ein Monstrum in die Welt gesetzt. Nach dem vorläufigen Abschluss von Masse und Macht schreibt er seinem jüngeren Bruder Georg, er sei mehr als zufrieden und wisse, dass er mit diesem Buch eine Art von Unsterblichkeit erlangt habe. Womit er ein großes Wort gelassen ausspricht, aber nicht unrecht hat – dieses Werk wird überleben. Andererseits empfindet er einen tiefen Hass gegen das Buch: Es habe seine verstorbene Frau Veza jahrzehntelang gequält und erscheine ihm jetzt wie ein Monstrum, dem ein Menschenopfer gebracht wurde. "Ich würde es alles, ohne zu zögern, verbrennen, wenn ich sie dafür wieder am Leben haben könnte." So wichtig der Ruhm ihm war, diesen Satz glaubt man ihm, ohne zu zögern, aufs Wort. Dass der Verleger Michael Krüger ab 1990 das Werk von Veza Canetti im Hanser Verlag herausbrachte und sogar Erfolg damit hatte, war für Canetti die späte goldene Erfüllung; seine Dankbarkeit dafür war groß. Erst kurz vor seinem Tod gesteht er sich seinen tiefen Groll gegen Veza, die ihn jahrelang mit Selbstmorddrohungen erpresst habe.

Nach Masse und Macht war eigentlich alles Nachspiel. Die Dramen waren seine Sorgenkinder, die er darum am schmerzlichsten liebte. Wenn es um die Aufführung von Theaterstücken geht, sind Steigerungen der Egomanie möglich, die man selbst Canetti kaum zugetraut hätte. Der Durchbruch und Erfolg beim Publikum kam weder durch die Stücke noch durch Masse und Macht, sondern durch die autobiografischen Schriften und die Aufzeichnungen. Gekrönt wurde dieser Erfolg durch den 1981 verliehenen Nobelpreis. Den Briefen zufolge kam er zu ihm wie die Jungfrau zum Kind: Als er die Nachricht beim familiären Mittagessen aus dem Radio erfährt, fällt entweder seiner zweiten Frau Hera die Gabel in den Teller oder ihm ein Bissen aus dem Mund (es gibt auch die Variante des fallenden Schöpflöffels der Schwiegermutter); anschließend versteckt er sich vor der Presse. So ganz glaubt man ihm die Unschuld dabei nicht, hat er doch hartnäckigen Gerüchten zufolge 1965 seinen einzigen ernsthaften Österreich-Konkurrenten, Heimito von Doderer, wegen dessen kurzfristiger und folgenloser NSDAP-Angehörigkeit in Stockholm angeschwärzt. Dass er damit diskret die eigene Visitenkarte abgab, musste ihm klar gewesen sein.