Zum 10. Geburtstag der Schweiz-Seiten der ZEIT schenken wir dem Land ein Psychogramm – erstellt aus den Antworten auf 100 Fragen an die Schweiz. Dieser Text ist Antwort auf Frage 26.

Ivan Glasenberg. Sergio Ermotti. Magdalena Martullo-Blocher. Karin Keller-Sutter. Vier Namen hat sich Stéphanie Ginalski auf ihren A4-Notizzettel geschrieben. Handschriftlich. Sie kramt ihn aus ihrem Rucksack und legt ihn auf den Tisch. "Das sind meine Antworten auf Ihre Frage."

Stéphanie Ginalski, 40, ist Historikerin an der Uni Lausanne. Dort forscht sie am Observatoire des élites suisses, das sie 2015 mitbegründet hat. Dabei geht sie unter anderem der Frage nach: Wer ist der mächtigste Mann im Land? Und zwar egal ob heute oder im Jahr 1910. So weit zurück reicht die Datenbank, die Ginalski und ihre Forscherkollegen aufgebaut haben. 20.000 Biografien von 20.000 Schweizer Amtsträgern, Verbandsdirektoren, Unternehmenschefs oder Verwaltungsräten mit all ihren Mandaten und Posten. Miteinander verknüpft und visualisiert, lassen sich aus diesen Datenreihen unzählige historische Machtnetze nachzeichnen.

Ihre Ergebnisse haben Ginalski und ihre Mitforscher voriges Jahr in einem Buch veröffentlicht, das zwar ins Deutsche übersetzt wurde, aber auf der hiesigen Röstigrabenseite erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhielt. Vielleicht, weil sie in Schweizer Wirtschaftseliten 1910–2010 (Hier und Jetzt, 2017) zeigen, was heute gern verdrängt wird: Die Mächtigsten im Land waren, "nein, sind", korrigiert Ginalski, alle vom ähnlichen Schlag. Meist männlich, meist Akademiker, meist Armeeoffizier.

"Es widerspricht dem Selbstbild der Schweizer", sagt Ginalski, "dass in unserem Land eine Elite existiert. Wir glauben weiterhin, auch die wirtschaftliche Macht sei demokratisch verteilt." Ist sie aber nicht. Die alten Seilschaften, der Filz, sind zwar aufgelöst, und die Idee, eine militärische Karriere könne noch immer Einfluss auf das berufliche Vorwärtskommen haben, scheint aus der Zeit gefallen zu sein, wie das Café de l’Europe in Lausanne, in dem wir uns treffen: "Aber rechnet man die ausländischen Manager raus", sagt Ginalski, "fällt auf, wie viele Führungskräfte heute noch einen Offiziersrang in der Armee bekleiden."

Filz ist undurchlässig. Filz ist leistungsfeindlich. Wo er herrscht, da gilt: Nicht, was einer kann, entscheidet in erster Linie über eine Karriere, sondern sein Stallgeruch, seine Herkunft, seine Familie.

Wobei: Ausgerechnet in den Familienunternehmen konnten sich die Verdammten der Schweizer Machtsphären seit je ein wenig Einfluss verschaffen – die Frauen. Meist im Verwaltungsrat, nicht im operativen Geschäft. Dort saßen sie mehr oder minder auf Augenhöhe mit ihren Vätern und Brüdern.

Vom politischen Leben waren die Schweizerinnen bis in die Siebzigerjahre ausgeschlossen; und, weil Politik und Wirtschaft aufs Engste miteinander verknüpft waren, damit auch von einflussreichen Posten in Unternehmen. Daran änderte selbst die Einführung des Frauenstimmrechts nicht viel. "Die Migros hatte 1980 zwar fünf Frauen in ihrem Verwaltungsrat. Die holte man allerdings nur, damit man das Einkaufsverhalten der Kundinnen besser verstand", sagt Ginalski.