Von Bruno Lüdke, der am 3. April 1908 in Cöpenick bei Berlin geboren und an einem nicht genau datierbaren Apriltag des Jahres 1944 in Wien getötet wurde, gibt es nur zwei Fotografien, die ihn, pathetisch gesagt, als lebendigen Menschen zeigen. Beide wurden in den Dreißigern aufgenommen, beide vor seinem Elternhaus, in dem er auch als Erwachsener noch lebte: Schiebermütze, Zigarre, hier einen Hund, da ein Pferd an der Leine haltend. Zuversichtlich lächelt Lüdke in die Kamera. Sonst sind Gipsabdrücke seiner Hände überliefert und eine Gipsbüste, die Pathologen seinem Kopf abgenommen haben. Gruppenbilder mit Kriminalbeamten, auf vermeintlichen Tatortbegehungen entstanden; Lüdke, der von Polizisten rasiert wird. Aber das sind bereits Zeugnisse einer Chimäre, Spuren eines lebenden Toten, der posthum zur Legende gemacht wurde.

Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte heißt der auf faszinierende Weise niederschmetternde Text- und Bildband, in dem die Kulturwissenschaftler Axel Doßmann und Susanne Regener den Abgrund zwischen Leben und Legende durchmessen. Das Leben? Schnell erzählt. Es ist das Leben eines überall in der Nachbarschaft als "doofer Bruno" bekannten Sonderlings, Hilfsschülers und Gelegenheitsarbeiters, der wegen kleinerer Diebstähle kurz einsaß und auf gerichtliche Anordnung zur Sterilisation gezwungen wurde. "Erblicher Schwachsinn": Die Diagnose klingt in Zeiten des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms schon für sich wie ein Todesurteil. Lüdkes eigentliches Verderben war aber Heinrich Franz, der Kriminalkommissar, der ihn am 18. März 1943 verhaftete.

Vernehmungsprotokolle dokumentieren, wie Franz den "doofen Bruno" völlig mühelos dazu bewegt, sich in sage und schreibe 53 bislang unaufgeklärten Mordfällen für schuldig zu bekennen. Geständniszwang? Franz gibt freimütig zu Papier, dass er seinen vermeintlichen Delinquenten mit Essen, Alkohol und Zigaretten sowie dem jovialen Versprechen auf Straffreiheit befeuert habe. Er protokolliert auch Lüdkes Ängste: "Herr Kommissar Franz, wir wollen och rinschreiben, det sie mir nischt tun uff’m Gericht." Sofort wurden unter Franz’ Kollegen gravierende Zweifel an dieser Serienmörder-Existenz laut, die dem bislang als "Halbidiot" und "Gelegenheitsverbrecher" aktenkundig gewordenen Lüdke hier zugetraut wurde. Zu hanebüchen erschienen Verhörmethoden und Beweisführungen. Franz wurde aber von allerhöchster Stelle geschützt und Lüdke am Ende nicht einmal der Prozess gemacht. Stattdessen deportierte man ihn auf persönliche Anordnung des SS-Führers und Polizeichefs Heinrich Himmler ins Kriminalmedizinische Zentralinstitut Wien, wo ihm, durch Verhöre, Schädelmessungen, phonographische Stimmaufnahmen, Gehirnstrommessungen und andere Menschenversuche noch einmal alle möglichen Daten abgewonnen wurden. SS-Ärzte testeten an Lüdke die Wirkung reinen Alkohols und punktierten sein Rückenmark. Die Autoren legen hier erstmals nahe, dass es schließlich ein Experiment zur Wirksamkeit vergifteter Geschossmunition war, das dem von Franz als "unzweifelhaften Untermensch" titulierten Lüdke qualvoll sterben ließ. "Geheime Reichssache": Bis Kriegsende drang von alldem kaum etwas an die Öffentlichkeit.

Aus rassenbiologischer Perspektive erschien Lüdke als der Verbrechermensch schlechthin. Die Buchautoren gehen davon aus, dass er als idealtypische Fallstudie zu Himmlers längst geplantem, aber letztlich nie verabschiedeten "Gemeinschaftsfremdengesetz" dienen sollte: Es hätte es noch leichter gemacht, missliebige Menschen präventiv, also ohne Ansehen tatsächlicher Taten und bloß aufgrund ihrer sogenannten Art zu ermorden.

Lüdkes Schicksal ist schauerlich, aber das sind zahllose andere Schicksale dieser Jahre auch. Dass gerade dieser Fall erinnert wurde, hat mit seiner posthumen Medienkarriere zu tun, die hier als ein bis in unser Jahrtausend stets aufs Neue verübter Rufmord nachgezeichnet wird. Wie der Spiegel im Jahr 1950 das Bild eines "Tiermenschen" und "zurückgebliebenen Neandertalers" zeichnet und zugleich suggeriert, dass die deutsche Kriminalpolizei eine auch im Nationalsozialismus im Grunde anständige Institution geblieben sei (und wie alte Nazi-Seilschaften diese Lesart in das von Rudolf Augstein geführte Blatt transportierten konnten), das ist schon für sich ein sagenhafter Medienskandal. Dann, in der Münchner Illustrierten, der 15-teilige "Dokumentarbericht" Nachts, wenn der Teufel kam: Er wurde zur Vorlage des gleichnamigen und oscarnominierten Films von Robert Siodmak, in dem Mario Adorf als Bruno Lüdke 1957 den Grundstein seiner internationalen Schauspielerkarriere legte. Als Unschuldiger ermordet, als Massenmörder nicht totzukriegen: Noch 2005 führt Spiegel Online Lüdke auf einer Liste deutscher Serienmörder, und so präsentiert ihn im selben Jahr auch sein Wikipedia-Eintrag.

Man kann diesen akribischen Band als Beitrag zur Archäologie des Postfaktischen lesen und die Parallelen zu gegenwärtigen Fake-News-Karrieren kaum übersehen. Die Autoren indes belassen es bei historisch akkurater Materialarbeit und überantworten alle weitergehenden Schlüsse dem Leser.

Axel Doßmann, Susanne Regener: Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte; Spector Books, Leipzig 2018; 332 S., 38,– €