DIE ZEIT: Herr Horn, vor zwei Jahren wurde in Freiburg die Studentin Maria L. von einem afghanischen Flüchtling ermordet, nun hat es hier eine mutmaßliche Gruppenvergewaltigung gegeben, an der offenbar mehrere Asylbewerber beteiligt waren. Was erleben Sie, wenn Sie mit den Menschen in Ihrer Stadt sprechen?

Martin Horn: Viele Freiburger sind verunsichert, fassungslos und wütend. Was uns alle verbindet, ist das Mitgefühl mit dem Opfer. Wenn sich das alles so bestätigt, wie wir es momentan vermuten, ist dieses Verbrechen mit Worten nicht zu beschreiben. Ich bin bestürzt, dass unter den Tätern offenbar vor allem jene Menschen waren, die bei uns Schutz gesucht und gefunden haben, Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind und nun hier Gewalt ausüben.

ZEIT: Freiburg hat unter den Großstädten in Baden-Württemberg die höchste Kriminalitätsrate. Nach dem Mord an Maria L. wurde die Polizeipräsenz erhöht, dennoch konnte dieses erneute Verbrechen nicht verhindert werden. Wie wollen Sie für mehr Sicherheit sorgen?

Horn: Die Strafverfolgungsbehörden haben hervorragend gearbeitet und die mutmaßlichen Täter sehr schnell ermittelt. Aber in der Kriminalitätsprävention haben wir eine große strukturelle Herausforderung vor uns. Unser Polizeipräsidium hat weit über 100.000 Überstunden angehäuft. Was wir brauchen, ist nicht, wie aktuell, eine zeitlich begrenzte Sicherheitspartnerschaft mit dem Land, sondern dauerhaft substanziell mehr Kräfte in unserer Stadt. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir könnten damit beginnen, sogenannte Ermittlungsassistenten einzustellen. Das sind Quereinsteiger, die bei der Polizei einfachere Tätigkeiten übernehmen, damit die Beamten wieder mehr Präsenz auf der Straße zeigen können.

ZEIT: Bereits Anfang 2016 hatte eine ganze Reihe an Clubs und Kneipen in Freiburg Zutrittsverbote für Flüchtlinge verhängt, nachdem es in mehreren Fällen zu sexueller Belästigung gekommen war. Wenn man sich nun die aktuelle Tat vor Augen führt, muss man sagen: Dieses Problem hat die Stadt nicht in den Griff bekommen.

Horn: Die Stadt hat viele Maßnahmen getroffen, so haben wir etwa einen Vollzugsdienst eingeführt, punktuelle Videoüberwachung beschlossen und für bessere Beleuchtung auf Wegen und Straßen gesorgt. Klar ist aber auch: Das reicht noch nicht. Wir müssen in die Sozialarbeit auf den Straßen investieren und die Zusammenarbeit mit der Polizei nochmals intensivieren. Und es muss mehr Personal bei der Justiz bereitgestellt werden.

ZEIT: Ihr Tübinger Amtskollege Boris Palmer hat vorgeschlagen, gewaltbereite und integrationsunwillige Flüchtlinge dezentral in von der Polizei gesicherten Landeseinrichtungen unterzubringen. Wie stehen Sie dazu?

Horn: Ich halte es in diesem Stadium der Ermittlungen für verfrüht, über konkrete Konsequenzen zu sprechen. Wir müssen aufpassen, dass es hier nicht zu einer Ghettoisierung kommt, sondern daran arbeiten, unsere Behörden personell so auszustatten, dass die vorhandenen Gesetze rigoros angewendet werden können. Herr Palmer ist ja dafür bekannt, gern mal zu polarisieren. Aber auch wenn er hier einen Nerv trifft, rückt er mit solchen Äußerungen gefährlich nahe in eine politische Instrumentalisierung dieser furchtbaren Straftat. Aber eines will ich klar sagen: Niemand in unserer Gesellschaft kann nachvollziehen, dass polizeibekannte, vorbestrafte junge Männer sich frei bewegen und solche abscheulichen Verbrechen begehen können. Da müssen wir mit der vollen Härte des Gesetzes durchgreifen. Ich stehe mit Innenminister Strobl in Kontakt, um mit ihm über Maßnahmen zu diskutieren. Klar ist, dass das die Stärkung der Polizei, der Justiz und der Prävention beinhaltet.