Neulich wurde die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht interviewt. Der Journalist stellte allerlei Fragen, Wagenknecht gab allerlei Antworten, bei mir blieb aber vor allem der letzte Teil hängen. Da hält der Reporter der Politikerin vor, dass sich deren neues Linksbündnis ausgerechnet "im teuren Berliner Restaurant Paris-Moskau" getroffen habe. Ein unmissverständlicher Vorwurf, eine Kaviar-Linke zu sein, ganz so, als könnten Sozialisten sich nur an Würstchenbuden organisieren und nicht bei einer Portion Laugenknödel mit Pilzragout für 18,50 Euro.

Soll das heißen: Wer Sozialismus fordert und Geld hat, darf sein Geld nicht ausgeben? Und wenn ja: Was soll er stattdessen damit tun? Es sparen? Am Ende Zinsen dafür einheimsen? Alles spenden und wenn ja: an wen? Wer entscheidet das?

Die Kritik am Geldausgeben ist immer noch weitverbreitet. Sie hat sogar jederzeit das Zeug für einen Shitstorm im Netz. Der jüngste, genannt "Rolexgate", ist erst wenige Tage alt. Er kreist um die Frage, ob es okay sei, dass die Berliner SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli eine Rolex-Uhr trägt, angeblich 7300 Euro teuer. Auf Facebook bekam Chebli deswegen so viel Hass ab, dass sie ihren Account deaktiviert hat.

Im Allgemeinen setzt die Kritik am Prassen sich aus folgenden drei Überzeugungen zusammen. Erstens: Nicht alle Menschen haben das Recht, ihr Geld einfach so auszugeben, Sozialisten zum Beispiel. Zweitens: Geldausgeben ist nur okay, wenn es in Maßen geschieht, alles andere ist Verschwendung, Protzigkeit, Prahlerei. Drittens: Viel besser als Geldausgeben ist das Geldnichtausgeben, allgemein bekannt als Sparsamkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit – und all das sind gute, deutsche Tugenden.

Was für ein Quatsch!

Natürlich kann man Frau Wagenknechts Widersprüchlichkeiten kritisieren – aber dann bitte ihre fragwürdige Haltung in der Asylpolitik, ihren linken Populismus, von mir aus auch ihre biedere Steckfrisur. Aber doch nicht, dass sie für gutes Essen anständige Preise bezahlt und damit Kellnern, Köchen, Gastronomen, Tellerwäschern ein faires Gehalt ermöglicht. Der Autor Peter Richter hat einmal geschrieben, essen zu gehen sei die beste Methode, möglichst viele Menschen an seinem Geld teilhaben zu lassen, und somit das perfekte Mittel zur Umverteilung. "Wenn Besserverdiener zu Hause essen, ist das nicht nur meistens ungemütlich", findet Richter, "sondern vor allem ist es asozial und wirtschaftsfeindlich."

Dass man gerade Menschen, die dem linken politischen Spektrum nahestehen, keinen Luxus gönnt, hat Tradition. Vor wenigen Jahren wurde der sozialistische Finanzminister Griechenlands, Yanis Varoufakis, dafür beschimpft, dass er einen Burberry-Schal (Ladenpreis: 400 Euro) trug. Genervt erklärte er dann, der Schal sei zwölf Jahre alt und ein Geschenk seiner Frau. Damals schrieb ein Kollege, diese Debatte sei scheinheilig und viel zu kurz gedacht: Luxus bedeute schließlich, "dass man der brutalen Notwendigkeit der Welt kurz entkommen und ihre Schönheit genießen kann". Ginge es, wenn der Minister diesen Schal nicht trüge, irgendjemandem besser? Und was wären die Alternativen? Günstige Schals, die nur eine Saison halten? Produziert von Kinderhänden? Aus verwebtem Plastik, das auch in 800 Jahren nicht verrottet?

Wäre eine Swatch okay für Sawsan Chebli? Wenn ja, welches Modell? (Und nebenbei: Wäre die Debatte weniger aggressiv verlaufen, wenn Chebli nicht eine junge, selbstbewusste Frau aus einer Migrantenfamilie wäre?)

Oder in Wagenknechts Fall: Sollte sie nur noch billig essen gehen? Selber kochen? Bei Discountern einkaufen, wo Mitarbeiter nicht nur schlecht bezahlt, sondern oft auch schlecht behandelt werden? Käfigeier statt Freiland? Darf es Senf zum Würstchen sein oder eher nicht?

Die linke Politikerin antwortete dem Zeitungsreporter mit verschnupfter Gelassenheit: "Diese Frage ist nun wirklich unterhalb Ihres Niveaus." Im Übrigen sollte es ihrer Meinung nach jeder Familie möglich sein, mindestens einmal im Monat in einem anständigen Restaurant essen zu gehen. Später schrieb irgendein Schlaumeier im Internet den Spruch "Sie predigt öffentlich Wasser und säuft heimlich Wein" unter das Interview. Ein schräger Vergleich. Vielmehr müsste es ja heißen: Sie trinkt Wein und predigt Wein für alle, beides öffentlich. Was soll daran schlecht sein?

Im Sozialismus muss es auch Luxus geben, das hat schon sein einflussreichster Theoretiker vorgelebt. In seinem Geburtshaus in Trier kann man in einem ausgestellten Spitzelbericht über Karl Marx die Zeilen lesen: "Die Existenz des Marx besteht in Pendelschwingungen zwischen Champagner und Pfandhaus."

Ein Leben zwischen Hunger und Verschwendung ist ein Leben zwischen Extremen und gerade deshalb vielseitig, radikal und bewusstseinserweiternd. Wo wären wir denn heute, wenn es immer nur brave Sparer gegeben hätte? Wenn alle Denker, Dichter, Künstler, Intellektuellen stets verzichtet hätten, anstatt auch mal über die Stränge zu schlagen? Niemals hätte Hemingway A Moveable Feast schreiben können, diese wunderbare Liebeserklärung an gutes Essen, Wein und Whiskey. In der autobiografisch inspirierten Geschichte schlemmt sich ein Schriftsteller, sobald er ein paar Francs in der abgewetzten Hosentasche hat, durch Paris – und muss am nächsten Tag wieder darben.