In dieser Serie geht es um Selbstoptimierung – deswegen muss ich jetzt mal genregemäß ein total inspirierendes Zitat verwenden: "Wir sind das, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit." Das Internet behauptet, Aristoteles hätte diesen Satz gesagt. Stimmt nicht. Er stammt vom Historiker Will Durant, der so lediglich versucht hat, einen sehr komplizierten Satz von Aristoteles zu umschreiben (mein Dank geht an das Internet für die Aufdeckung dieses Fehlers). Es soll im Folgenden also um Gewohnheiten gehen, auf Englisch "habits". Aber nicht um die Gewohnheiten, die wir eh schon haben. Sondern solche, die wir uns antrainieren können. Natürlich mit dem Ziel, besser zu werden. In Arbeit, Beziehung, Leben.

Nie wäre mir der Gedanke gekommen, dass meine Erfolglosigkeit in diesen Bereichen nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun hat, sondern damit, dass ich das Falsche tue – oder zu wenig vom Richtigen. Ein Blick ins Netz auf den Kanon der Selbsthilfe-Literatur legt aber genau das nahe. Unter den Topsellern: 7 Habits of Highly Efficient People, The Power of Habit oder auch Breaking the Habit of Being Yourself. Über den letzten Titel kann man wahrscheinlich länger nachdenken.

Ich beschloss also, mir Dinge anzugewöhnen, die sich auf lange Sicht positiv auswirken – beruflich und spirituell. Natürlich gibt es eine App dafür. Sogar viele. Sogenannte Habit-Tracker. Die helfen dabei, sich einen Überblick zu verschaffen über die Dinge, die man täglich tun oder vermeiden will. Mein Tracker heißt Way of Life und funktioniert so: Ich definiere eine tägliche Habit (Zähneputzen), die App liefert einen kleinen Wochenkalender. Jeden Tag kann ich angeben, ob ich etwas getan habe (dann wird der Tag grün) oder nicht (dann wird er rot). Ziel ist es, eine grüne Kette zu bilden und sie nicht abreißen zu lassen (streak). Dabei hilft die App mit Erinnerungen. Und natürlich kann man alles statistisch auswerten.

So weit, so gut. Aber welche Gewohnheiten sind die richtigen? Eine Recherche im Netz führt zwangsläufig zu Tim Ferriss, Autor von Büchern mit Titeln wie Tools of Titans. Ferriss ist ein Silicon-Valley-Unternehmer, der sich ganz und gar der Selbstoptimierung verschrieben hat. In seinem Podcast befragt er erfolgreiche Menschen aus verschiedenen Bereichen (Unternehmer, Soldaten, Köche) nach ihren Angewohnheiten und Routinen; seine Erkenntnisse destilliert er dann in seine Bücher. Und dank des Internets muss man sich die nicht mal kaufen, um sich inspirieren zu lassen. Hier eine Auswahl: Der Schauspieler Ben Stiller taucht seinen Kopf jeden Tag in einen Kübel Eiswasser. Der Blogger Tim Urban löst jeden Morgen ein Kreuzworträtsel. Der Designer und Regisseur Tom Ford beginnt seine Tage um 4.30 Uhr mit einem heißen Bad und einem Iced-Espresso. Viele High-Performer verzichten auf das Frühstück. Fast 80 Prozent der Leute, die Ferriss interviewt hat, meditieren täglich.

Ich war bereit, meinen Habit-Tracker zu bestücken. Bin dann doch auf den Gedanken gekommen, dass Erfolg ja eine Frage der Perspektive ist. Und ich bin kein Silicon-Valley-Unternehmer, sondern deutscher Journalist. Um meine Gewohnheiten also branchen- und lebenswelttechnisch zu optimieren, habe ich den Ferriss gemacht und eine kleine Umfrage unter den Kollegen gestartet. Frage: Welche deiner Angewohnheiten bringen dir Erfolg? Hier die anonymisierten Antworten: Fahrradfahren. Mit den Kindern spielen. Tee trinken (am besten Earl Grey). Krankengymnastik. Und: Aufs Klo gehen, auch wenn man nicht muss.

Ich entschied mich für eine Mischung. Tatsächlich habe ich ein Latexband zu Hause, das auch in der Krankengymnastik zum Einsatz kommt. Ich verschrieb mir also jeden Morgen zehn Minuten. Meditation war ein Muss. Das macht nämlich Yuval Noah Harari auch, und der ist ja der beste Historiker der Welt (gibt es da eigentlich ein Ranking online?). Außerdem nahm ich mir vor, jeden Tag in einem Sachbuch zu lesen, der Kompetenz wegen. So komme ich auf lange Sicht vielleicht von den Lifestyle-Themen weg.

Jeden Morgen zu meditieren war kein Problem, kann ich nur empfehlen. Die Krankengymnastik hat meine Haltung verbessert. Und in einem Sachbuch von Harari habe ich etwas sehr Passendes gelesen: Organismen sind Algorithmen. Toller Satz. Das ist dieses neue Menschenbild, das Harari propagiert. Menschen sind praktisch Technologie – und die kann natürlich verändert werden. Im Grunde schreibe ich mit meinen Gewohnheiten nur den Code meines Betriebssystems um: FranzOS 1.2. Ob ich schon was merke? Noch nicht. Aber eine neue Angewohnheit braucht auch 66 Tage, bevor sie komplett automatisiert und verinnerlicht wird. Habe ich im Internet gelesen.