"Mein Vater war ein empfindsamer, sensibler Mann." Cecilia Scerbanenco ist das wichtig. Wir sitzen auf der Gartenterrasse eines Hotels mitten in Mailand. Plötzlich ertönt ein wildes Geschepper von nebenan. Im Nachbarhof wird ein Glascontainer entleert. Brutaler Krach trifft auf Empfindsamkeit – ein Kontrast wie aus einem Roman von Giorgio Scerbanenco.

"Ich war fünf Jahre alt, als er starb", sagt Cecilia und zeigt auf dem Handy das Foto eines mageren Mannes im hellen Sommerhemd mit schütterem Haar, der zwei kleine Mädchen an der Hand hält. Das ältere, Germana, ist heute Tierärztin, das jüngere, die 1964 geborene Cecilia, ist Historikerin und Übersetzerin. Im Sommer hat sie die Biografie des Vaters unter dem Titel Il fabriccante di storie veröffentlicht. In seinem kurzen Leben – er verstarb 1969 im Alter von 58 Jahren – war der Geschichtenfabrikant extrem produktiv. Eine "unvollständige" Liste umfasst 92 Romane, 1380 Kurzgeschichten, 2143 kleinere Prosastücke, 296 Artikel, 40 Foto-Lovestorys, 7 Radiodramen und 2 Gedichte, veröffentlicht zwischen 1932 und 1969.

Bestehen bleiben werden die vier Romane um den wegen verbotener Sterbehilfe entlassenen Arzt Duca Lamberti. Jetzt erscheint die Tetralogie wieder auf Deutsch im Wiener Folio-Verlag, einer festen Adresse für die erste Garnitur italienischer Kriminalschriftsteller. Drei der vier Romane sind schon lieferbar, der vierte erscheint im März, und jeder von ihnen ist ein kleines Wunder an genauer Beobachtung, stilistischer Modernität und moralischem Skeptizismus. Obwohl sie ein halbes Jahrhundert alt sind – sie erschienen zwischen 1964 und 1969 –, lesen sie sich frisch wie am ersten Tag.

Das hat drei Gründe: Ihre Themen brennen immer noch unter den Nägeln, die Protagonisten sind unvergesslich, und die Schreibe ist grandios. Im Zentrum stehen die Ausbeutung der Frau und der Boom der Sechzigerjahre, in denen sich Mailand aus einer ländlich geprägten Großstadt in eine Metropole des Verbrechens verwandelte.

Der erste Roman, Das Mädchen aus Mailand, beschreibt eine Kreisbewegung um Mailand. Die Handlung setzt ein in einer herrschaftlichen Villa, umgeben von Feldern und Dörfern im Osten, streift die Modellstadt Metanopoli im Westen und endet wieder am östlichen Stadtrand, wo auf dem freien Feld ein zwölfgeschossiges noch nicht fertig bezogenes Hochhaus aufragt. Darin schießen Pornofotografen Fotos für einen Prostitutionsring. Eine Verkäuferin und gelegentliche Prostituierte ist in ihre Fänge geraten, hat einen der Filme entwendet und dies mit dem Leben bezahlt. Scerbanenco beschreibt exakt den Punkt, an dem die althergebrachte Straßenprostitution der Mädchen vom Lande, die den nach "Eau de Cologne duftenden" Onkels diskret durch die Siesta halfen, umschlägt in den internationalen Menschenhandel organisierter Verbrecher. Ein bronzefarbener Mercedes 230 und ein namenloser Geschäftsmann aus Bonn genügen als Andeutung. Scerbanenco gewährt seinem Helden Lamberti, aber nur selten den Verbrechern das Privileg eines eigenen Namens.

Überhaupt Lamberti. Im Mädchen aus Mailand ist er frisch aus dem Gefängnis entlassen. Weil er die Panikattacken einer sterbenskranken Patientin nicht mehr ertragen konnte, hatte er sie aus Mitleid getötet und wurde als Mörder verurteilt. Jetzt schustert ihm Kommissar Carrua aus der Mailänder Präfektur in der Via Fatebenefratelli Ermittlungsjobs zu. Lamberti vereinigt in sich widersprüchliche Regungen. Seine mit einem Kind sitzen gelassene Schwester versorgt er. Ihre kleine Sara liebt er zärtlich. Was ihn aber nicht hindert, das hoch fiebrige Kind einsam sterben zu lassen, um ein Verhör durchzuführen. Zu differenzierten Reflexionen über Recht, Schuld und Strafe ist Lamberti ebenso fähig wie zu rohen Gewaltausbrüchen gegen die Verbrecher.

Man kann ihn immer wieder lesen

Im Grad seiner inneren Widersprüchlichkeit unterscheidet sich Duca Lamberti von allen konventionellen Ermittlerfiguren. Er reagiert je nach Situation. Cecilia Scerbanenco erzählt, dass ihr Vater lange den Wunsch hegte, Neuropsychologie zu studieren. "Ihn interessierte die Psychophysiologe der Entscheidungen, wie sie von Wilhelm Wundt und anderen erforscht wurde. Er wollte wissen, warum Menschen in der einen Situation so und in einer anderen geradezu gegensätzlich reagieren."

In seiner Rolle als Briefkastenonkel bei Frauenzeitschriften griff Scerbanenco auf seine Erfahrungen zurück. Auch die Form des Kriminalromans diente ihm dazu, innere Ambivalenzen auszutragen. Laut Cecilia enthält die schwer erträgliche Szene, in der Duca Lamberti seine Mitschuld am Tod der kleinen Sara mit Ärztesprüchen bagatellisiert, einen Hinweis auf eine tiefe seelische Verletzung ihres Vaters. Als er 21 war, starb seine sechs Monate alte Tochter Elena unbemerkt, als er sie beaufsichtigen sollte. "Ich glaube, dass dies die Wunde war, die mein Vater nicht überwinden konnte. Dies ist vielleicht auch der Grund für sein unstetes Leben, seine Frauengeschichten, seine Depressionen und seinen Pessimismus."

Angst und hilflose Wut waren dem 1911 in Kiew als Sohn eines Altphilologen und einer Römerin geborenen Volodymyr Ščerbanenko nur allzu vertraut. Kurz nach der Geburt ging seine Mutter mit dem kleinen Baby zurück nach Rom, wo er in einem Frauenhaushalt aufwuchs. Nach Kriegsende reisten Mutter und Sohn 1919 nach Kiew und erfuhren, dass der Vater von den Bolschewiken erschossen worden war. Anderthalb Jahre dauerte ihre Odyssee durch die Flüchtlingslager, bis sie wieder in Rom waren. Nach Mailand zogen sie, um der Verheiratung der Mutter an einen alten Bauern aus der Toskana zu entkommen. Als sie krank wurde, musste der Sohn die Schule abbrechen und Aushilfsjobs annehmen, um sie beide durchzubringen. Anderthalb Jahre arbeitete er als Fräser, Lagerist und Krankenträger. Scerbanenco kam in Kontakt mit einer Gruppe später sehr einflussreicher junger Intellektueller, strich das k aus seinem Namen, litt aber zeit seines Lebens unter der Angst, wegen seines römischen Dialekts in Mailand nicht verstanden zu werden.

Diese Außenseitererfahrungen prädestinierten ihn zum sensiblen Ratgeber. "Adrianos" Antworten spendeten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Millionen von Leserinnen von Zeitschriften wie Bella, Annabella oder Grazia Rat und Mitgefühl. Im Leben war Giorgio Scerbanenco eher der Typ des respektvollen Verehrers der Frauen. "Ein bisschen wie aus der romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts." Das ist der Eindruck, den Cecilia von ihrem Vater verbreiten möchte, entgegen der Fama vom Mann, der Hunderte von Frauen hatte. Scerbanenco war gefangen in einer im Alter von zwanzig Jahren geschlossenen, nie geschiedenen Ehe. In ihrer Biografie zählt Cecilia drei große Lieben auf. Die letzte compagna war ihre Mutter, eine Journalistin, die Scerbanenco bei einer der Frauenzeitschriften kennengelernt hatte, deren wohlhabender Direktor er inzwischen war. In der Beziehung zu ihr fand er die innere Ruhe, nach der er sich laut Cecilia immer gesehnt hatte.

In dieser Phase seines Lebens fand er auch die Kraft zur Erfindung der tollen Livia Ussaro, der Gefährtin Duca Lambertis. Livia, deren Nachname "Husar" bedeutet, ist der Prototyp einer selbstbestimmten Frau. Während Scerbanenco eher auf den "weichen, anschmiegsamen Typus" abfuhr, so die Tochter, ist Livia kantianisch rational. Duca Lamberti lernt sie kennen, als sie sich im Mädchen aus Mailand als Sozialforscherin mit der Ausbeutung der Frauen beschäftigt und sich dabei selbst helfen will. Sie untersucht die Prostitution durch teilnehmende Beobachtung, um festzustellen, unter welchen Bedingungen sie ihre angebliche Frigidität verlieren kann. Konsequent bis zur Selbstaufgabe stürzt sich Livia in die riskantesten Ermittlungen, aus denen sie dauerhafte Verstümmelungen davonträgt.

Seinen Leserinnen, die "rosa" Geschichten mit Happy End erwarteten, machte es der späte Scerbanenco nicht leicht. Zu schwarz waren die Romane der Tetralogie. In Die Verratenen von 1966 attackiert er gleich zwei heilige Kühe der Nachkriegszeit. Die moralische Heuchelei konterkariert er in einer wilden Groteske: Lamberti rekonstruiert auf Bitten des Zuhälters das Jungfernhäutchen einer Prostituierten, weil er sie nur in intaktem Zustand zum Altar führen kann. Und dem Mythos von der edlen Resistenza stellt er die Geschichte eines Zuhälterpärchens gegenüber, das gegen Geld je nach Frontlage Widerstandskämpfer an die Deutschen, aber auch versprengte deutsche Soldaten an die Partisanen verriet. Im Mädchen aus Mailand hofft Duca Lamberti noch, die Welt sei nicht so infam, wie sie ihm oft erscheint. In den drei folgenden Bänden wird er eines Schlimmeren belehrt: In Der lombardische Kurier vergewaltigen die Schüler einer Förderklasse ihre allzu gutmütige Lehrerin – die erste Darstellung eines Schulmassakers in der Literatur. Und in Ein pflichtbewusster Mörder nimmt ein Vater, dessen wunderschöne geistig behinderte Tochter von Zuhältern ermordet wurde, eigenhändig Rache, weil der Staat versagt. Ein Jahr nach Erscheinen dieses Buches begann mit dem Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand die bleierne Zeit und mit ihr ein neues Kapitel von Verbrechen und italienischer Kriminalliteratur. An deren Beginn aber steht Giorgio Scerbanenco mit Duca Lamberti und Livia Ussaro. Man kann ihn immer wieder lesen. 

Giorgio Scerbanenco: Das Mädchen aus Mailand. 253 S., 18,– €
Die Verratenen. 256 S., 18,– €
Beide aus dem Italienischen von Christiane Rhein; Folio Verlag, Wien/Bozen 2018