Frage: Herr Vogel, wann beten Sie?

Hans-Jochen Vogel: Es sind keine richtigen Gebete, aber ich denke vor dem Einschlafen oft nach. Ich frage mich: "Kannst du deine Entscheidungen vor Gott verantworten? Ist das richtig, was du machst?"

Frage: Und?

Vogel: Ich habe mein ganzes Leben versucht, meine politischen Einstellungen mit dem Christentum zu vereinbaren. Ist es mir gelungen? Das kann nur Gott beurteilen.

Frage: Sie hatten als Christ in der SPD früher Exoten-Status.

Vogel: Das stimmt, aber ich war nicht alleine. Auch Erhard Eppler, später Wolfgang Thierse und andere wären zu nennen. Es gibt ja sogar eine "Arbeitsgemeinschaft Christinnen und Christen" in der SPD. Da hat sich schon etwas verändert.

Frage: Auch das Verhältnis zwischen Kirche und SPD hat sich entspannt.

Vogel: Darauf blicke ich mit einer gewissen Befriedigung in meinem Leben zurück. Georg Leber hat das vor allem vorangebracht. Aber ich nehme für mich in Anspruch, dazu auch einen Beitrag geleistet zu haben. Früher haben die Bischöfe bei Wahlen die Unionsparteien mit Hirtenbriefen unterstützt. Das habe ich noch erlebt. Heute ist das gar nicht mehr so denkbar. Im Gegenteil: Die Kirche kritisiert heute eher die C-Parteien als die SPD.

Frage: Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zur katholischen Kirche?

Vogel: Also erstens einmal: Ich habe die katholische Religion stets respektiert als eine gesellschaftliche Kraft von erheblicher Bedeutung. Aber ich hatte Konflikte mit ihr auszutragen.

Frage: Welche waren das?

Vogel: Ich bin ein wiederverheirateter Geschiedener. Aber vor Kurzem hat ja meine Kirche in dieser Frage eine positive Entwicklung genommen. Ein Beispiel ist die Teilnahme an der Kommunion, die heute möglich ist. Ich habe außerdem Auseinandersetzungen ausgetragen, als es um den Schwangerschaftsabbruch ging. Wobei man aber schließlich auf der katholisch-kirchlichen Seite anerkannt hat, dass die deutsche Lösung unter allen europäischen Lösungen der Kirche am nächsten kommt. Ziemlich erschrocken bin ich auch, als mir einmal deutlich wurde, dass die Kirche bis ins 20. Jahrhundert gebraucht hat, um grundlegende Irrtümer zu berichtigen.

Frage: Welche meinen Sie genau?

Vogel: Ich will nur ein Beispiel nennen: Noch 1864 hat ein Papst – Pius IX. – die Glaubensfreiheit für "Wahnsinn" und die Demokratie für mit dem katholischen Glauben nicht vereinbar erklärt. Als ich das erfahren habe, hat mich das sehr erschreckt. Aber das Zweite Vatikanum hat diese Irrtümer bereinigt. Ich schätze an meiner eigenen Kirche, dass sie zur Bereinigung von Irrtümern überhaupt fähig ist. Über einen weiteren Vorgang habe ich ebenfalls oft nachgedacht: nämlich dass man geglaubt hat, man müsse Katholizität dadurch unter Beweis stellen, dass man Kriegszüge – genannt "Kreuzzüge" – unternommen hat. Aber das ist ja nun heute auch nicht mehr die absolute Meinung der Kirche.

Frage: Heute benutzen Pegida und Co. das christliche Abendland als Kampfbegriff.

Vogel: Man muss mit diesen Menschen ins Gespräch kommen. Das gilt besonders für AfD-Anhänger. Sie alle als Rechtsextremisten und Neonazis zu bezeichnen, ist keine geeignete Form der Auseinandersetzung. Es hilft ihnen sogar noch, wenn man das tut. Nein, man muss mit ihnen diskutieren, jedenfalls mit den meisten von ihnen. Darf ich Ihnen eine Bibelstelle nennen, die mir dazu in den Sinn kommt?

Frage: Gern.

Vogel: Matthäus 25. Da geht es ums Jüngste Gericht, es werden die Bösen von den Guten getrennt. Es folgen die berühmten Worte: "Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben; ich war krank und ihr habt mich versorgt; ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht."

Frage: Was bedeuten Ihnen die Zeilen?

Vogel: Ich habe sie oft zitiert. Für mich sind sie nicht nur eine Aufforderung zu individueller Nächstenliebe. Sie haben auch eine strukturelle Bedeutung, also für den Sozialstaat, damit Menschen gar nicht in diese Situation kommen, dass sie nicht hungrig, durstig, krank, nackt oder fremd sind. Damit sie aufgenommen werden. Das muss man den Leuten sagen und entgegenhalten.