Vorn bei der Balustrade, dort wo am 15. März 1938 der sogenannte Führer stand, sprießt ein zartes Pflänzchen aus dem Steinboden. Der Altan – in Wien wird er gern "Hitler-Balkon" genannt – bleibt ungenutzt. Nicht dass es keine Pläne gegeben hätte, diesen Schicksalsort sinnvoll zu bespielen. Aber die Balustraden müssten erhöht und die gewaltigen Türen mit einer Klimasperre versehen werden. Auch den Boden, den sich nun langsam die Natur zurückholt, müsste man sanieren. 1,1 Millionen Euro würde das kosten, hat Monika Sommer errechnet.

Die 44-jährige Historikerin mit Geburtsort Linz könnte zusätzlichen Raum brauchen, sie soll schließlich nicht weniger als ein Haus der Geschichte in diesem Teil der Wiener Hofburg einrichten. Aber ein bespielbarer Altan würde beinahe das gesamte, vom Bund zur Verfügung gestellte Jahresbudget verschlingen. Der "Hitler-Balkon" darf also weiter zuwachsen.

Monika Sommer hat die Direktion des Hauses der Geschichte in spe erst im Februar 2017 übernommen. Zuvor hatte sie geforscht, Ausstellungen kuratiert und zehn Jahre am Wien Museum gearbeitet. Am 10. November wird sie in den künftigen Museumsräumlichkeiten eine erste Ausstellung eröffnen: Aufbruch ins Ungewisse – Österreich seit 1918.

Auch die Zukunft des Hauses der Geschichte ist vor dessen Eröffnung ungewiss. Vorerst letzte Wendung: Die nationale Historienschau soll künftig Haus der Republik heißen und statt der Nationalbibliothek dem Parlament angegliedert werden, verkündete Kulturminister Gernot Blümel vergangene Woche. Alles Weitere werde man im nächsten Jahr entscheiden. 2019 bekomme Direktorin Sommer für die laufenden Kosten jedenfalls 1,5 Millionen Euro anstelle der bisher zugesagten 1,1 Millionen. Das ist begrüßenswert, aber nur zum Vergleich: Das deutsche Haus der Geschichte hat ein jährliches Budget von 23 Millionen.

Österreich tut sich verdammt schwer mit seinem Museum. Schon Karl Renner wollte nach dem Weltkrieg ein Museum der Republik. Es blieb bei einem Schauraum. Nach Renners Tod wurde auch der geschlossen.

Erst ein halbes Jahrhundert später keimte die Idee eines Hauses der Republik wieder auf, als der Stadtschulrat 1996 das Palais Epstein an der Ringstraße verließ. Die Räumlichkeiten wurden allerdings sofort vom benachbarten Parlament okkupiert.

Inzwischen dachten die besten Köpfe der österreichischen Politik- und Zeitgeschichtsforschung über ein solches Museum nach. Die Professoren Stefan Karner, Oliver Rathkolb, Manfried Rauchensteiner, Roman Sandgruber und Anton Pelinka brüteten über diversen Konzepten. Hannes Androsch und Herbert Krejci lieferten einen eigenen Plan ab, Kanzler Alfred Gusenbauer engagierte eine kanadische Beratungsfirma. Als Standort waren in ständigem Wechsel die Albertina, das Gelände des alten Südbahnhofs, das Künstlerhaus, das Arsenal und ein damals noch unbebautes Grundstück in der Argentinierstraße im Gespräch.