Hamburg, die Musikstadt, hatte nie viel Sinn für die bildenden Künste. Kein Vergleich mit anderen Handelsmetropolen, mit Venedig, Amsterdam, Antwerpen, oder mit den großen Bürgerstädten West- und Süddeutschlands, mit Köln, Nürnberg, Augsburg. Die eigener Einschätzung nach "schönste Stadt der Welt" war sich ob ihrer anmutigen Lage zwischen Elbestrom und Alsterspiegel stets selbst Kunst genug; noch 1805 fand man nichts dabei, den gotischen Dom ersatzlos abzureißen, ein reichlich einmaliger Vorgang im Abendland.

Und doch spross in später Zeit, im Verlauf des 19. Jahrhunderts, eine überraschende Blüte aus diesem kargen Grund. Ein Kunstverein wurde gegründet, eine Kunsthalle, ein Kupferstichkabinett, das heute zu den bedeutendsten in Deutschland gehört. Um 1900 hatten Hamburgs Künstler aufgeschlossen zur Moderne, gefördert vor allem vom charismatischen Chef der Kunsthalle, Alfred Lichtwark. Schon ein Jahr vor der Berliner Secession konstituiert sich ein moderner Künstlerclub, man malt in Schockfarben holsteinische Landschaft, Bürgerstuben, Hamburger Boulevards und reist nach Paris. Max Liebermanns Lebensfreund Thomas Herbst ist dabei, Ernst Eitner, Julius von Ehren, Paul Kayser, der junge Friedrich Ahlers-Hestermann.

Helmut Schmidt liebte diese Avantgardisten. In seinem Haus in Hamburg-Langenhorn hängen etliche ihrer Werke. Denn sosehr er auch Ernst Barlach verehrte, dessen Kunst ihn während des denkwürdigen DDR-Besuchs 1981 ins mecklenburgische Barlach-Städtchen Güstrow führte, sosehr er Emil Nolde bewunderte und ihn noch 2015 verteidigte, als Noldes zäh vertuschtes Nazitum längst in aller Schrecklichkeit offenbar war – am nächsten blieben Schmidt die völlig unterschätzten Maler des Hamburgischen Künstlerklubs.

In der Tat ist es ein Rätsel, warum diese Meister bis heute hinter anderen deutschen Impressionisten zurückstehen müssen. Vielleicht gerade darum: weil Hamburg nie einen Ruf als Kunststadt hatte? Vor allem Thomas Herbst trifft diese Ignoranz, Ernst Eitner und Paul Kayser, die alle drei mit eindrucksvollen Werken bei den Schmidts in Langenhorn vertreten sind.

Thomas Herbst, der Nestor der Gruppe, hatte früh einen ganz eigenen Weg gefunden. Seine Pleinair-Malerei zeigt eine stille Radikalität; die berühmten "Kuh-Bilder" stoßen immer wieder an die Grenzen zur impressionistischen Abstraktion vor, zum freien Spiel mit Form und Fläche. Reines Farbfeuerwerk dagegen bietet Ernst Eitners große Stadtvedute von 1908 aus Schmidts Sammlung: ein verwegener Rausch in Gold und Messing. Paris an der Alster.

Helmut und Loki Schmidt kauften das hinreißende Ölgemälde bei Rainer Herold. Seit den Achtzigerjahren engagiert sich der Galerist für die Hamburger Avantgarde der Jahrhundertwende und der Zwanzigerjahre. Wie auch der Kunsthistoriker Carsten Meyer-Tönnesmann, ein langjähriger Berater der Schmidts, dessen Bücher über den Künstlerklub und Thomas Herbst Standardwerke zum Thema sind; Schmidts Sammlung verdankt ihm viel.

In Langenhorn gibt es aber auch Bilder von Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn; die Künstlerkolonie in Worpswede und Fischerhude war Schmidt seit jungen Jahren vertraut. Und Werke Bernhard Heisigs, des expressiven Leipziger Malerfürsten, der Schmidt 1986 für die Galerie des Kanzleramts porträtierte.

Ein besonderer Schatz indes, inzwischen von Schmidts Tochter gehütet, sind die Schöpfungen des wunderbaren Franz Kaiser, eines Rheinländers, der von 1926 bis zu seinem Tod 1971 in Hamburg gelebt und gearbeitet hat. So gern Schmidt politische Visionäre zum Arzt schickte, den malenden, bildhauernden und webenden Visionär Kaiser, dessen fantastisches Werk es noch zu entdecken gilt, haben Loki und er vielfach unterstützt. Ein Akt des Mäzenatentums in aller Diskretion – schließlich will man in Hamburg nicht damit auffallen, dass man sich für so was wie Kunst interessiert.