Auf den ersten Blick ist beim Hamburger SV alles beim Alten. Wieder wird ein Trainer nach wenigen Monaten entlassen, diesmal nach sieben. Hat die Vereinsführung aus ihren Fehlern nichts gelernt? Bei genauerem Hinsehen aber werden Unterschiede zwischen der Entlassung von Christian Titz und seinen vielen Vorgängern sichtbar. Titz, der wohl beliebteste Trainer seit Jahren, hat mit dem HSV in der letzten Saison beinahe den Klassenerhalt geschafft, trotz des ersten Abstiegs der Geschichte neue Euphorie entfacht und in der zweiten Liga in zehn Spielen 18 Punkte geholt. Das hat gereicht, um den Anschluss an den Tabellenführer 1. FC Köln zu wahren. Welche Gründe gäbe es aus Sicht der Verantwortlichen, dieser erfolgreich wirkenden Geschichte ein abruptes Ende zu bereiten?

Offenbar so viele, dass sich der neue Sportvorstand Ralf Becker zu dieser Maßnahme gezwungen sah. Seine Begründung: "Es gehört zu unserer Verantwortung, die sportliche Situation sachlich zu analysieren. Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass wir leider nicht die angestrebte Entwicklung genommen haben und ein erhöhtes Risiko sehen, dass wir unser Saisonziel verfehlen werden." Und es stimmt: Sachlich analysiert, stellt man fest, dass unter Titz nichts wirklich besser geworden ist. Sein Spielsystem mit einem weit aufgerückten Torhüter ist nicht nur unattraktiv, weil es viele Querpässe zwischen den Verteidigern provoziert, sondern auch defensiv anfällig und offensiv ineffizient. Der hohe Anteil an Ballbesitz und die gute Quote erfolgreicher Pässe täuschen darüber hinweg, wie schwer sich einer der teuersten Kader in einer vergleichsweise qualitätsarmen Liga tut.

Der geschasste Trainer darf sich nicht über das Fehlen einer ehrlichen Chance beklagen. Vorstandschef Bernd Hoffmann und Ralf Becker haben ihm trotz aller Vorbehalte elf Pflichtspiele Zeit gegeben. Gescheitert ist er nicht an vermeintlich ausgebliebenen Treuebekenntnissen, sondern an seiner Idee, wie das Ziel Wiederaufstieg möglich gemacht werden soll. Zum Beispiel im Umgang mit dem Stürmer Pierre-Michel Lasogga. Sieben Tore hat er in elf Spielen geschossen, dazu noch zwei weitere vorbereitet. Trotzdem kam er überwiegend als Einwechselspieler zum Einsatz. Das hat innerhalb des Teams für Verwunderung gesorgt. Hinzu kam Titz’ Nähe zum Ex-Nachwuchschef Peters, der ihn mehrfach als Cheftrainer der Profis ins Spiel gebracht hat, auch um seinen eigenen Einfluss auf die erste Mannschaft zu vergrößern. Das kam nie gut an. Peters strebte vor einigen Monaten sogar öffentlich nach einem Posten als Sportvorstand, obwohl der seinerzeit noch als Aufsichtsratsvorsitzende aktive Hoffmann mit Becker längst eine andere Lösung für diese Rolle im Auge hatte. Die vereinspolitischen Machtspiele konnten Titz und Peters nicht gewinnen.

Mit der Entlassung von Titz und dem Weggang von Peters kehrt aber keine Ruhe ein. Im Gegenteil. Eine der größten Ultragruppen des HSV, "Poptown", wirft insbesondere dem ohnehin wenig beliebten Hoffmann vor, den Vereinsfrieden mit seiner konsequenten Führungsart zu stören. Beim 1:0-Auswärtssieg in Magdeburg am Freitagabend sendeten sie mit einem Transparent in seine Richtung deutliche Signale. "Du wirst von uns hören" stand darauf. Der zentrale Streitpunkt ist die unterschiedliche Auffassung über die Ausrichtung des Clubs. Hoffmanns zielorientiertes Management steht wie schon in seiner ersten Amtszeit von 2003 bis 2011 dem Wunsch nach mehr Fußballromantik und Kontinuität entgegen. Dabei fällt die Hauptverantwortung der Besetzung des Trainerpostens in den Aufgabenbereich des Sportvorstands Becker. Seine Entscheidung gegen Titz, ungeachtet der Platzierung und Punkteausbeute, spricht erstmals seit langer Zeit für ein professionelles Handeln. Die finanzielle Lage lässt Experimente mit einem Trainerneuling nicht zu, sondern zwingt zu schnellen Erfolgen.

Neu ist beim HSV nicht die Entscheidung für einen Trainerwechsel, sondern ihr Zustandekommen. Die Verantwortlichen sahen ihr Ziel gefährdet und handelten selbst gegen die Meinung vieler Fans.

Ob mit dem neuen Trainer Hannes Wolf alles besser wird, lässt sich noch nicht sagen. Seine Vita liest sich aber vielversprechend. Der 37-Jährige hat sich vor fast zehn Jahren als Spielertrainer des Amateurvereins ASC Dortmund in den Notizblock des großen BVB gearbeitet und das Interesse Jürgen Klopps geweckt, der ihn zum Jugendtrainer der U17 befördert hat. Im Nachwuchs der Borussia feierte Wolf drei deutsche Meisterschaften – zwei mit der U17, eine mit der U19. Seine Erfolge haben ihm zu einer Anstellung als Cheftrainer der Profis des VfB Stuttgart verholfen. Der gebürtige Bochumer führte die Schwaben mit 57 Punkten aus 28 Spielen zurück in die Bundesliga und bekam vom DFB die Auszeichnung als Trainer des Jahres 2017. Nach Startschwierigkeiten und einer Serie von sechs Niederlagen in sieben Spielen zum Ende der Hinrunde der vergangenen Saison bot Wolf in Stuttgart mehr oder weniger von sich aus seinen Rücktritt an. Er zweifelte daran, die Mannschaft noch erreichen zu können.

Für den Hamburger Sportvorstand Becker ist der junge Trainer kein Unbekannter. Bereits während seiner Zeit bei Holstein Kiel hat sich Becker intensiv mit Wolf beschäftigt. Besonders gefallen hat ihm dessen Spielsystem, in dem viel Wert auf vertikale Pässe und auf temporeiche Umschaltmomente gelegt wird. Genau das, was diesem HSV derzeit dringend fehlt.