Zum 10. Geburtstag der Schweiz-Seiten der ZEIT schenken wir dem Land ein Psychogramm – erstellt aus den Antworten auf 100 Fragen an die Schweiz. Dieser Text ist Antwort auf Frage 97.

Nicht nur Schweizer reagieren verblüfft auf die Frage, auch Nichtschweizer. Denn unter den Jazzhörern gibt es viele, die sich ihrer Liebe zum Jazz erst bewusst werden, wenn sie Zeit haben, darüber nach- zudenken. Die schönste Antwort gibt Patrik Landolt, der das Zürcher Label Intakt führt. Er zitiert den Schriftsteller Robert Walser: "Mir fehlt etwas, wenn ich keine Musik höre, und wenn ich Musik höre, fehlt mir erst recht etwas."

Die Schweizer arbeiten sich an der Musik ab. Eine Musik, die ihnen etwas gibt, müsste erst noch erfunden werden.

Dies erklärt den Innovationsdrang vieler Jazzmusiker. Niemand erwartet von ihnen, eine Tradition fortzusetzen. Es darf, es soll originell sein. Eigene Musik für ein Volk von Eigenbrötlern, Uhrenfummlern, Tunnelbohrern, denen auf einem topografisch anspruchsvollen Territorium alles Nichtschwierige als zu simpel erscheint.

Die Westschweizer Gitarristin und Sängerin Claire Huguenin denkt ähnlich: Der Einfallsreichtum der Tüftler, die Fantasie der Ingenieure, diese ewige Suche nach der nicht erstbesten Lösung finde im Jazz eine Entsprechung. Der in den Bergen fehlende Horizont wecke zudem den Wunsch nach Freiheit. Und freie Musik verwende oft Klänge, die an die Geräusche der Natur erinnerten. "Die Schweizer mögen Offenes, Sinnliches, weil sie einen starken Sinn für die Natur haben."

Der Zürcher Pianist Nik Bärtsch, global unterwegs, kommt noch mal auf die Tradition zurück: Nicht nur orientiere man sich wenig an ihr, es gebe kaum eine. Das sei anders in Norwegen oder Lettland mit ihren Chören oder beim Wiener Akkordeonschmäh, der sein Echo im Spiel von Joe Zawinul fand, dem Tastenmann von Miles Davis.

Welchen Schweizer Klassik-Komponisten von Weltrang gebe es denn? "Keinen Mozart, keinen Beethoven, keinen Verdi, keinen Liszt." Aber deren Musik sei immer da gewesen. Die Schweizer hätten immer alles hören und sehen können, schon Louis Armstrong sei hier aufgetreten.

"Der Amerikaner Duke Ellington hat den Südafrikaner Dollar Brand 1963 in der Schweiz entdeckt", sekundiert ihm Patrik Landolt vom Intakt-Label. "Er hat ihn im Zürcher Café Africana gehört und nach Paris geholt. Da gibt es sogar eine Platte: Duke Ellington Presents the Dollar Brand Trio" .