Als ich Joni Mitchell das erste Mal traf, war sie ein langhaariger junger Mann in Cordhosen. Ein Freund, der missionarisch versuchte, mir ihren Song A Case of You beizubringen, obwohl ich das Lied nie gehört hatte. Und so funkte es nicht zwischen Joni und mir. Die Cordhose stand ihr nicht, und generell wollte ich über die sanften jungen Cordhosenmänner lieber wütendere, interessantere junge Männer wie Bob Dylan und Neil Young kennenlernen. Irgendwas war mir suspekt an der schwärmerischen Jünglingshingabe an die ultrafeminine, komplexe, unanständig nackt erscheinende Joni. Kurzum: Schon mit 15 reagierte mein Amateurherz empfindlich auf den muckerischen Enthusiasmus für Jonis musikalisches Genie.

Außerdem wollte ich meine Gitarre nicht umstimmen.

Joni Mitchell, die Malerin mit Worten und Noten, ist ein musician’s musician. Bei kaum einer anderen Künstlerin geraten Musiker so in Wallung. Zeitgenossen wie Crosby, Stills & Nash, Leonard Cohen, James Taylor – die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich nah zu ihren Füßen saßen – überschlugen sich vor Lobpreisungen. Von allen findet sich im Netz das nahezu deckungsgleiche Zitat: "Joni Mitchell is a" – Kraftausdruck ihrer Wahl – "genius!" Ich war nicht beeindruckt. Doch dann kam, als Geburtstagsgeschenk: For the Roses. Ich spielte das Album auf Repeat, in fiepsigem Teenagersopran mitsingend, während mir hormongetränkte Tränen die rundlichen Wangen herunterliefen.

Wer sich an meine Eloge auf Dolly Parton erinnert (gleicher Ort, andere ZEIT – und zwar die Ausgabe Nr. 21/14), mag vermuten: Die Holofernes hat ein Ding mit zwitschernden Frauen. Das stimmt. Zwitschernde Frauen und ich, wir gehen weit zurück – genau bis zu jenem Geburtstag. Niemand hat mir so viele Jahre überdauernde Ohrwürmer verpasst wie Joni Mitchell. Wenn ich traurig bin, höre ich Joni. Wenn ich gute Laune habe, höre ich Joni. Beim Aufräumen höre ich Joni. Beim Singenüben singe ich Joni. Ich habe Schwierigkeiten, diesen Text fertig zu schreiben, weil ich ständig in zwanghaftes Zwitschern verfalle.

Dabei widersprechen die meisten ihrer Songs allen Ohrwurmregeln. Schon allein, weil sich kaum je ein Songteil wiederholt. Wenn Musiker ihre Songs covern wollen, vergehen Stunden, bis man sich geeinigt hat: Das ist der Refrain. Das Geheimnis: Jeder ihrer fünf Songteile ist stärker als die Refrains anderer Leute. Und so habe ich, eine Woche lang, einen Ohrwurm vom Intro von Banquet. In der nächsten dann von dem, was man bei Amelia für die Strophe halten würde, in der darauffolgenden Woche ist es eine einzelne Zeile von Carey.

Je länger ich Jonis Platten höre, umso mehr liebe ich sie. Jetzt, nach 25 Jahren Fansein, ertappe ich mich, wie ich fuchtelnd auf Wehrlose einrede, mit dem entfesselten Eifer der Cordhosenteenager von damals, und versuche, ihnen Jonis Genie zu erklären: Ihre Songs mitzusingen ist nah dran an den besten Drogen, die ich nie genommen habe. Ihre Stimme fliegt über die unerhörten Akkorde wie eine Schwalbe vor dem Gewitter. Ihr Timing ist unglaublich, sie verteilt ihre Texte so beiläufig, schleifend und hüpfend, wie absichtslos über den Takten, dass es scheint, als erzählte sie plaudernd ihr Leben. Erst in der geschriebenen Form zeigen sich ihre Texte als makellose, souveräne und geschliffene Poesie. Die Texte, die spätestens seit Blue immer wieder als "confessional", also "bekennerisch" bezeichnet wurden, sind vor allem: klug, lustig, poetisch, tiefgründig und herzzerreißend.

Ich folge Joni auf jedem Schritt ihres Weges, und mit jeder Umdrehung, jedem Schwalbensinkflug, vertieft sich meine Liebe. Und ja, ich habe die Biografien gelesen, die es schwer machen, die jetzige Joni für eine freundliche alte Dame zu halten. Sie, die jede Wolke nun wirklich von oben und unten gesehen hat, scheint Wolken – und Mitmenschen – heute meist schräg von der Seite anzusehen. Die neue Biografie, Reckless Daughter von David Yaffe, ist ein Liebesbrief und stellt das Fanherz doch auf die Probe.