Der Plastiktrinkhalm könnte also wirklich bald Geschichte sein. Genau wie der Plastikteller, das Plastikbesteck und dünne Plastiktüten. Diese und andere praktische Wegwerfartikel sollen in der EU spätestens ab 2021 verboten sein, so hat es das Europäische Parlament vergangene Woche beschlossen. Es folgte damit einem Vorschlag der EU-Kommission. Nun müssen bloß noch die Umweltminister der Mitgliedsstaaten zustimmen. Dass sie das Verbot verhindern, ist unwahrscheinlich.

Kritik an der Maßnahme gab und gibt es genug. Sie sei reine Symbolpolitik, mit guten Verbrennungsanlagen sei Plastikmüll gar kein Problem, und überhaupt: Der Großteil des Unrats in den Weltmeeren stamme nicht aus Europa, sondern aus Asien – was also soll ein Verbot in der EU bringen?

Sehr viel, wenn man darin nicht nur die Abschaffung der Kunststoffgabel erkennt, sondern den Versuch, das westliche Konsumverhalten politisch zu verändern. Einwegplastik, hergestellt aus Erdöl, ist tatsächlich ein Symbol: für den sorglosen Umgang mit Rohstoffen, den die hoch entwickelten Industriestaaten dem Rest der Welt jahrzehntelang vorgemacht haben. Der "Earth Overshoot Day" verdeutlicht, wo das hingeführt hat. Er markiert das Datum, an dem auf der Erde mehr Rohstoffe verbraucht worden sind, als während des gesamten Jahres nachhaltig gewonnen werden können. 1990 war das noch der 7. Dezember. In diesem Jahr war es bereits der 1. August. Der deutsche Overshoot Day war sogar schon am 2. Mai. Mehr als drei Erden wären nötig, rechnet das Umweltbundesamt vor, wenn die gesamte Weltbevölkerung auf dem hohen Konsumniveau von Deutschland leben würde. Dass dieser Prozess gestoppt, ja umgekehrt werden muss, kann niemand ernsthaft bezweifeln. Bloß wie?

"Jede und jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten", ermuntert das Umweltbundesamt tapfer: Energie sparen, das Auto öfter stehen lassen, saisonale Lebensmittel kaufen, Recyclingprodukte verwenden, Abfälle generell vermeiden. Der Punkt ist nur: Das Prinzip Freiwilligkeit, das dem einzelnen Konsumenten die Lösung der globalen Umweltprobleme aufbürdet, hat bislang nachweislich schlecht funktioniert.

Es ist kein Geheimwissen, dass die Produktion eines Kilos Kartoffeln 100 Liter Wasser verbraucht, jene eines Kilos Rindfleisch dagegen 15.000. Trotzdem isst der Durchschnittsdeutsche jährlich immer noch knapp 60 Kilo Fleisch, weil es halt da ist und außerdem gut schmeckt. Man weiß auch, dass Autofahren dem Klima schadet. Trotzdem nutzen die Deutschen auch für kurze Strecken gerne ihren Pkw, weil er halt da ist und es außerdem regnen könnte. Und solange Einwegbecher mit Kunststoffdeckel nicht verboten sind, rennt die Mehrheit der Deutschen auch nicht mit dem Thermosbehälter in die Kaffeebar. Beim Konsum übertünchen Hedonismus und Bequemlichkeit das schlechte Gewissen und besiegen allzu oft den guten Vorsatz.

Es reicht also nicht, bei Umweltthemen auf die Mitmachbereitschaft des Individuums zu setzen, dafür ist die Lage längst zu dramatisch, siehe Earth Overshoot Day. Wenn der Einzelne einen Missstand nicht zu beheben vermag, ist die Gesellschaft als Ganzes gefragt, also auch die Politik. Und wenn deren Appelle an den guten Willen nichts bringen, sind Verbote angebracht. Bei aller Liebe zur Wahlfreiheit: Es gibt kein Menschenrecht auf täglichen Fleischverzehr, Autofahren in der Innenstadt oder Plastiktrinkhalme an jedem Straßenkiosk, auch wenn die betroffene Industrie es bei jedem Anflug von staatlichen Reglementierungen so aussehen lässt.

Verbote aber als reine Bevormundung abzutun ist zu kurzsichtig, gerade beim Umweltschutz. Man kann in Verboten auch eine Entlastung sehen: Sie befreien von der unlösbaren Aufgabe, die Rettung des Planeten im Alleingang mit den eigenen Konsumentscheidungen bewerkstelligen zu müssen.

Wer nun einen Nanny-Staat oder gleich die Diktatur heraufziehen sieht: Das Verbot von FCKW oder Glühbirnen hat den Kontinent auch nicht ins Verderben gestürzt, sondern umweltfreundlichere Innovationen befördert. Das Plastikverbot ist deshalb nicht nur richtig. Es sollte sogar bloß ein Anfang sein.