Der Trendbegriff künstliche Intelligenz hat gute Chancen auf den Titel "Unwort des Jahres". Tesla-Gründer Elon Musk hält sie für gefährlicher als Nuklearwaffen. Der Physiker Stephen Hawking warnte vor seinem Tod, dass künstliche Intelligenz zu unserem Ende führen werde. Die Debatte wird angetrieben von einer humanen Urangst: selbst überflüssig zu werden. Dabei kann künstliche Intelligenz dazu beitragen, die größten Herausforderungen der Menschheit zu lösen.

Zu viele Klischees und Missverständnisse

Die Risiken, die angesprochen werden, heißen unter anderem: Millionen von Jobs werden durch Automatisierung und künstliche Intelligenz vernichtet. Der Mensch wird von der Maschine verdrängt. Schon bald entscheiden Algorithmen über Tod und Leben, etwa beim autonomen Fahren. Im deutschen Bildungsbürgertum macht sich eine digitale Hysterie breit: Computer und Handys machen Kinder dumm und krank! Die Debatte ist so vollgestopft mit Klischees, Ängsten und Missverständnissen, dass sie sich immer mehr im Kreis dreht.

Schon dem Begriff der künstlichen Intelligenz liegt ein Missverständnis zugrunde. Der Soziokybernetiker Niklas Luhmann bezeichnete einmal den "Kategorienfehler" als Grundlage aller kognitiven Irrtümer. Ein Kategorienfehler ist es zum Beispiel, wenn ein Bauer ein Feld zum Anbau von Pellkartoffeln bestellt. Im Wortspiel der künstlichen Intelligenz verwechseln wir zwei fundamental verschiedene Kategorien: das Lösen strategischer Probleme, das sich als Intelligenz interpretieren lässt. Und das Bewusstsein, das in der Fähigkeit besteht, auf die Komplexität der Welt durch Kreativität und Gefühl zu antworten. Gefühle, Instinkte, Stimmungen, Wahrnehmungen sind Teil des Bewusstseins. Sie setzen uns in Beziehung zur Welt und zu uns selbst.

Computer können Schach spielen, Autos lenken und einen Platz im Restaurant reservieren. Aber sie werden nie fühlen können, wie das ist. Wenn sie im menschlichen Sinne intelligent sein sollten, müssten sie Fleisch, Schmerz und Sterblichkeit besitzen, Leid und Freude empfinden können. Dann aber wären sie keine Maschinen, sondern Organismen.

Künstliche Intelligenz optimiert Innovationsprozesse

Künstliche Intelligenz weist einen entscheidenden ökonomischen Faktor auf: Sie verbilligt Prognosen. Im Unterschied zur Datenverarbeitung schaut sie in die Zukunft. Sie kann die Bewegung eines Autos prognostizieren und seine Kollisionswahrscheinlichkeit reduzieren. Sie kann Millionen von Bildern nach Anzeichen für Krebs durchsuchen. Sie kann den Ausfall von Systemen und Maschinen voraussagen oder zeigen, wie Verkehrs- und Warenströme sich unter bestimmten Bedingungen entwickeln. Diese prognostische Kompetenz erleichtert die Entwicklung komplexer Systeme. Künstliche Intelligenz optimiert somit Innovationsprozesse, assistiert bei der Zukunftsentwicklung von Städten und hilft dabei, die Gesundheit von Millionen von Menschen zu erhalten.

Somit wird sie uns dabei nützen, menschliche Tätigkeiten überflüssig zu machen, die repetitiv und monoton sind. Damit führt sie einen Prozess fort, der bereits mit der Industriegesellschaft begonnen hat. Dieser Prozess wird nicht linear oder quantitativ erfolgen, im Sinne eines Wegnehmens von Arbeitsplätzen. Künstliche Intelligenz verschiebt das Berufsspektrum in Richtung höherer Komplexität, bei der neue Tätigkeitsfelder entstehen: Mediatoren und Moderatoren, Konnektoren und Kuratoren, Coaches und Lebensbegleiter, Traffic-Manager, Gesundheits-Provider, Achtsamkeits-Agenten und Schönheits-Designer. Die Anzahl dieser Berufe wird die Anzahl der Tätigkeiten der alten Industriegesellschaft übersteigen und menschliche Kreativität freisetzen.

Über kurz oder lang wird künstliche Intelligenz dazu führen, dass wir uns vom Joch industrieller Lohnarbeit mit ihren vielen funktionalen Zwängen emanzipieren können. In der neuen, digitalen Arbeitsgesellschaft geht es vor allem um sozial wirksame Berufe. Die technische Entwicklung kann dabei helfen, die kommende Arbeitsgesellschaft zu einer humanen zu transformieren. Die Zukunft der Digitalisierung ist die Verbindung von emotionaler, sozialer und künstlicher Intelligenz.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher und Gründer des Zukunftsinstituts. Daniel Dettling leitet dessen Berliner Büro.