Was verbindet die Bundesrepublik und Brasilien außer dem B im Namen? Beide haben gerade gewählt, und obwohl sie 9.000 Kilometer auseinanderliegen, laden sie zum lehrreichen Vergleich ein. In Brasilien kam der radikale Rechte Jair Bolsonaro an die Macht, in Hessen niemand so richtig. Jeder kann dort, jeder muss mit anderen koalieren. Fünf der sechs Parteien gruppieren sich um die Mitte. Zusammen haben sie 87 Prozent geholt. Was immer in Wiesbaden herauskommt, wird more of the same sein – Kontinuität statt Umsturz.

Das mag furchtbar langweilig sein, ist aber freundlicherweise Lichtjahre entfernt vom Wahlausgang in Brasilien, wo die linke Arbeiterpartei, 15 Jahre im Amt, unter einem Erdrutsch begraben wurde (44 versus 55 Prozent). Ihre frühere Chefin Dilma Rousseff wurde als Präsidentin des Amtes enthoben, ihr Vorgänger Lula sitzt im Gefängnis. Der neue Staatschef Bolsonaro ist ein Typ, der hierzulande zehnmal mehr Wutanfälle auslösen würde als Donald Trump.

Ein Verehrer von Diktatoren, hat der Mann die Polizei aufgehetzt, verdächtige Kriminelle gleich zu erschießen. Er will Oppositionelle des Landes verweisen. Er hat Frauen, Schwarze und Schwule angefeindet. "Rechts" im Sinne von freien Märkten hört bei Bolsonaro dort auf, wo sein Populismus beginnt. Er hat gegen die Privatisierung von Staatskonzernen gewettert und predigt Wirtschaftsnationalismus.

Wie kann so einer haushoch siegen? Weil sich unter der Arbeiterpartei Korruption, Unterschleif und Klientelismus breitgemacht haben. Weil in diesem Jahrzehnt die Wirtschaft schrumpft oder stagniert. Weil die Kriminalität steigt; 2017 wurden 64.000 Morde gezählt. Die Wut summierte sich zur Hochkonjunktur für den Erlöser, der diesmal von ganz rechts einmarschierte.

Bloß scheint sich hier ein vertrautes Muster lateinamerikanischer Politik zu wiederholen. Der Sieger, ob Linker oder Rechter, greift sich die Staatsmacht, untergräbt die Institutionen, bedient seine Klientel und will die Opposition kaltstellen. Der Machtmissbrauch wechselt nur das Vorzeichen. Der eine Exzess gebiert den nächsten.

Deshalb ein Lob der Langeweile, wie sie in Deutschland von so vielen beklagt wird, die sich Action, Charisma und Visionen wünschen. Wo es um Rentenalter und Mindestlohn geht, Soli-Abschaffung und gebührenfreie Kitas – um das richtige Maß, nicht um den brutalen Bruch. Welche Parteien die nächste Regierung in Hessen stellen, wer Angela Merkel im Parteivorsitz und Kanzleramt beerbt, ist keine Schicksalsfrage. Anders als in Brasilien wird das Pendel nur ein paar Grad nach links oder rechts ausschlagen, was sehr beruhigend ist. Denn mein Erlöser ist dein Verführer, deine Vision ist mein Schreckensbild.

"Mögest du in interessanten Zeiten leben" ist ein subtiler chinesischer Fluch. Interessanter ging es in der Weimarer Republik zu, die im Nazismus versank. Ob Kramp-Karrenbauer die CDU oder Olaf Scholz die SPD führt, ist kein Aufreger, und das ist gut so. Wer erinnert sich noch an den Bürgerschreck namens "Grüne"? Die machen jetzt wohlanständige Regierungsarbeit in den Ländern. Der gute Staat, wie er sich nach 1945 durchgesetzt hat, lebt nicht von der Verheißung, sondern vom Interessenausgleich. Unterhaltsam ist der nicht, vertrauenerweckend sehr wohl.