Samstagabend in meiner Lieblingsbuchhandlung; im Untergeschoss Reiseführer, Politik und Zeitgeschichte, Konzertkarten. Hinter einem Tisch, auf dem politische Neuerscheinungen in Stapeln verkaufsfördernd drapiert wurden, steht ein Grüppchen junger Männer, wie es scheint Medizinstudenten, und tauscht sich für mich gut hörbar über die Qualität eines medizinischen Standardlehrwerks aus. Irgendwann fällt der Blick eines von ihnen auf einen Stapel grüner Bücher, auf dem der Autorenname Sarrazin zu lesen ist. "Wenn ich richtig Kohle hätte, würde ich diese Stapel aufkaufen und in die Tonne werfen", sagt er. Die anderen lachen zustimmend.

Irgendetwas scheint schiefgelaufen zu sein in der Bildungsbiografie dieser jungen Männer. Wahrscheinlich sind sie in der Schule jahrelang von Lehrern indoktriniert worden, die sich nicht dem politischen Neutralitätsgebot verpflichtet gefühlt haben. Die ihre Schüler so lange mit ihren links-grünen Ansichten gegängelt haben, dass diese gar nicht mehr anders konnten, als die Parteienvorliebe des Lehrenden zu übernehmen.

Ob ich das ernst meine? Natürlich nicht.

Aber es gibt Menschen, die das sehr ernst meinen. Mitte Oktober ist die AfD in Sachsen mit ihrem "Demokratie-Projekt für Sachsens Schulen" an die Öffentlichkeit gegangen. Das "Projekt" ist ein Online-Portal, auf dem man Lehrer melden kann, die sich in der Schule nach AfD-Maßstäben nicht neutral genug verhalten. Portale dieser Art hatte die Partei zuvor bereits in Hamburg, Bremen und Baden-Württemberg lanciert. Weitere Bundesländer sollen folgen.

Ungeachtet der Tatsache, dass es ohnehin mit der Dienstaufsichtsbeschwerde längst die Möglichkeit gibt, gegen Lehrer vorzugehen, die ihre Schüler politisch indoktrinieren, werden nun seit dem 12. Oktober 2018 auf der neu geschaffenen AfD-Webseite www.lehrersos.de sächsische Schüler, Eltern und Lehrer aufgefordert, Begebenheiten zu melden, die einer freien Meinungsbildung im Wege stünden. Warum all diese Personengruppen auf der Seite geduzt werden, bleibt dabei ebenso unklar wie der Grund dafür, warum die Macher einen Ton anschlagen, der an eine Bastelstunde im Kindergarten erinnert: "Füll das Formular aus und beschreibe so gut wie möglich die Situation. Es kann auch ein Bild angehängt werden, denn manchmal sagt das mehr als 1000 Worte."

Man könnte an dieser Stelle vielleicht über all das lächeln und sich fragen, ob die AfD gerade Instagram erfunden hätte. Aber im Grunde ist es alles andere als lustig.

Im Gegenteil: Es ist ein Skandal. Ein Skandal, der bisher seitens der Politik zu lauwarm behandelt wurde. Seit Wochen schon treibt mich die Frage um, ob ich mich zu dieser unsäglichen AfD-Online-Denunziantenstelle für Lehrer äußern soll. Bisschen argumentativ, bisschen polemisch vielleicht, für den Spaß. Das Thema würde schon fetzen.

Ich habe lange gezögert und mich zunächst dagegen entschieden. Denn irgendwann, dachte ich, erklärt uns die AfD bald noch, dass die Sonne nicht mehr aufgehen wird. Und wir fangen an, ihr in sachlichem oder heiterem Ton auseinanderzusetzen, dass dies sehr unwahrscheinlich ist. Vielleicht sollte man nicht auf alle ihre Aktionen und Erklärungen reagieren, dachte ich.

Ich war der festen Ansicht, dass allerspätestens mit der Demonstration in Chemnitz die Haltung und die Absichten dieser Partei für alle Welt ersichtlich geworden wären. Und dass die Idee, Lehrer an den Pranger zu stellen, vor allem in jenem Teil des Landes, der sich noch immer mit seiner Stasi-Geschichte herumschlägt, alle Warnsysteme auf Alarm hätte stellen müssen. Es gab kritische Stimmen, aber insgesamt nehme ich davon zu wenige wahr.

Es ist auch nicht Hauptaufgabe von Lehrern, Journalisten oder gar Schülern, sich mit diesem Unfug zu befassen und der AfD eine klare Absage zu erteilen. Obwohl vor allem Schüler dies zweifellos vielerorts auf witzig-kreative Art gemacht haben. Das macht Mut.

Es ist in erster Linie die Pflicht des Staates, der dieser AfD-Spitzel-Animation Einhalt gebieten und sich das "Demokratie-Projekt" dezidiert verbitten muss.

Die Worte von Sachsens Kultusminister Christian Piwarz waren hier unmissverständlich. Unmittelbar nach der Initiierung des Sachsen-Portals sagte er, dass es sich dabei um nichts anderes als um "eine ekelhafte Gesinnungsschnüffelei" handele, wie man sie noch aus Zeiten der Nazi-Diktatur oder von der Stasi kenne, und versprach, sich vor die Lehrer zu stellen.

Aber reicht das? Ist es sinnvoll, wenn jedes Bundesland einzeln und anders auf dieses Portal reagiert? Wenn im Nachbarbundesland der dortige Kultusminister lediglich sagt, all das sei ein "No-Go", als habe jemand bei Tisch nur mal kurz die Füße hochgelegt.

Wie können wir im Geschichtsunterricht auf Lehrer verweisen, die in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts zunächst geschwiegen haben, wie können wir großspurig fragen, warum diese denn nichts gesagt, sich nicht gewehrt haben, während wir gerade das Gleiche tun? Wir schauen zu gelassen einer Entwicklung zu, die eigentlich das ganze Land empören müsste.

Deshalb: Kultusminister aller Bundesländer – bitte übernehmen Sie jetzt diese Verantwortung! Sonst kann jeder Workshop für Demokratie in Zukunft getrost eingespart werden.

Denn Denunziation gehört keinem humanistischen Wertekanon an.