Michael Douglas, aus dessen Habichtgesicht nichts als Gier spricht. Leonardo DiCaprio, der den Geldrausch nur im Drogenrausch ertragen kann und immer die Penicillinspritze dabei hat, für den Fall, dass er sich wieder mal bei einer Prostituierten einen Tripper geholt hat. Das ist die Welt der Banker, wie wir sie mit dem Popkulturfilter vermittelt kennen, aus den Filmen Wallstreet und The Wolf of Wallstreet. Dieser Filter macht gleich zwei Dinge leichter: Sich überhaupt mit dem Thema Banken, Aktien, Derivaten oder noch Komplizierterem zu beschäftigen. Und nicht vor Wut auszuflippen und die nächste Bank anzuzünden, weil, come on, Leo, das ist der aus Titanic, und irgendwie ist er doch auch cool.

An diesem Doch-auch-cool-Sein arbeitet sich der Regisseur Helge Schmidt ab. Sein neues Stück Cum-Ex Papers im Lichthoftheater bringt den größten Steuerraub aller Zeiten auf die Bühne. Seit dem 18. Oktober veröffentlichen Dutzende Medien aus verschiedenen Ländern ihre Recherchen zu Aktiengeschäften, bei denen sich Banker und Berater am Steuergeld der Bürger vergreifen. Auch die ZEIT ist an den Recherchen beteiligt. 55 Milliarden Euro wurden in Europa geklaut, davon mehr als 30 Milliarden in Deutschland. Und wieder einmal ist die Frage: Warum gibt es keinen Aufstand? Warum erregt sich die Gesellschaft so gern über Kleinigkeiten, schweigt aber, wenn es ums Eingemachte geht?

Cum-Ex Papers ist ein dokumentarisches Theaterstück, der gesamte Text basiert auf den Rechercheergebnissen der Journalisten. Helge Schmidt hat etwas geschafft, das dem Theater sonst meistens verwehrt bleibt: Es ist hochaktuell. Seit den ersten Enthüllungen um Cum-Ex vor über einem Jahr arbeitete er an der Idee, ein Stück über diese Geschäfte zu machen. Er rief die Journalisten an, die ihm wiederum von den neuen Recherchen erzählten. Er musste eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben und die Premiere nach hinten verschieben, dafür durfte er live dabei sein und das Material schon lange vor Veröffentlichung sichten. Er sah ein achtstündiges Interview mit dem Kronzeugen Benjamin Frey und machte daraus das Zentrum seines Theaterstücks: Wer ist Benjamin Frey? Wie wurde er zum Räuber? Und was geht in jemandem vor, dessen größtes Problem ist, dass der Trader nebenan schon fünf Porsche hat?

Helge Schmidt reduziert die komplexe Handlung extrem, was genau richtig ist, denn nur so entsteht die nötige Intensität. Ein kreisrunder Vorhang aus Jalousien, den man öffnen und schließen kann. Ein Scheinwerfer. Ein Stuhl. Ein ausgestopfter Fuchs. Und 100 Kilo silbernes Konfetti. Auf dieser Bühne spielen Ruth Marie Kröger, Jonas Anders und Günter Schaupp abwechselnd Journalisten und Kronzeugen. Sie spielen nach, wie Frey, der Dorfjunge, von der Anwaltskanzlei nach London eingeladen wird, von Goldtellern isst und dem Geld verfällt. Sie spielen nach, wie Frey seinem Mentor nacheifern will und neidisch auf dessen noch teurere Uhr schielt. Der Text ist echt, die Performance ist übertrieben, es wird geschrien und getanzt. Es ist eben doch auch irgendwie cool.

Aber weil es Theater ist, zieht sich auch immer wieder ein Riss durch das Bild, bleibt immer ein Rest von Distanz. Weil sie Masken tragen. Weil es kein Geld ist, sondern Konfetti. Und so macht das Stück Cum-Ex Papers nicht nur großen Spaß, sondern hinterlässt auch ein Gefühl: Wut.

Lichthof Theater, Mendelssohnstraße 5; weitere Aufführungen: 15., 16., 17. 11. 20.15 Uhr, 18. 11. 18 Uhr