DIE ZEIT: Wir haben eigene Messungen des Reizgases Stickoxid vorgenommen und überraschend hohe Werte gefunden. Kann es sein, dass Ihr Luftreinhalteplan nicht funktioniert?

Jens Kerstan: Wir wissen, dass die Grenzwerte an vielen Stellen überschritten werden. Das haben wir ja auch im Luftreinhalteplan dargestellt. Nach der Modellrechnung war das 2014 an 41 Straßenkilometern in Hamburg der Fall.

ZEIT: Ihr Plan verspricht bis 2020 eine deutliche Verbesserung, gemessen an den Verhältnissen von 2014. Von den sechs Jahren, die das dauern soll, sind fast vier vergangen, und an den meisten Stellen ist die Luft eher schlechter geworden. Wie kann das sein?

Kerstan: Sie haben nur im September gemessen, das ist nicht repräsentativ für den Jahresdurchschnitt. Im ersten Halbjahr waren wir bei den Abgaswerten besser. Über den Sommer und im Herbst hatten wir, bedingt durch die extremen Wetterlagen, wieder einen spürbaren Anstieg, weil es wenig Wind, wenig Luftaustausch und wenig Regen gab, der die Schadstoffe aus der Luft wäscht.

ZEIT: Das Verwaltungsgericht hat das Land verurteilt, die Grenzwerte "schnellstmöglich" einzuhalten. Tun Sie das?

Kerstan: Ich sehe im Moment keine Möglichkeit, das zu beschleunigen. Manche unserer Maßnahmen werden erst 2020 wirken. Zum Beispiel ist die Autoindustrie erst dann in der Lage, uns so viele Elektrobusse zu liefern, wie wir brauchen.

ZEIT: Wenn Sie Ihre Ziele verfehlen, wie unsere Messung es nahelegt, müssen Sie dann über stärkere Eingriffe in die Freiheit der Autofahrer nachdenken?

Kerstan: Wir wenden alle Mittel an, die wir zur Verfügung haben und die zulässig sind. Wir machen Hamburg zur Fahrradstadt, bauen neue S- und U-Bahnen und kaufen saubere Busse, damit die Leute seltener das eigene Auto benutzen. Wenn das alles nicht hilft, sind wir als Bundesland am Ende unserer Möglichkeiten.

ZEIT: Laut einem EU-Vergleich sind die deutschen Städte beim Stickstoffdioxid die schmutzigsten in Europa und Hamburg wiederum ist eine der schmutzigsten Städte in Deutschland. Und ausgerechnet hier sagt ausgerechnet ein grüner Umweltsenator, es tue ihm leid, aber da könne er nichts machen?

Kerstan: Das kann ich so nicht bestätigen, es gibt viele Städte in Europa, die ähnliche Werte haben wie Hamburg. Ich muss mich an die deutschen Gesetze halten. Ich weiß von keiner einzigen möglichen und zulässigen Maßnahme, die wir nicht bereits in unserem Luftreinhalteplan einsetzen. Wenn das nicht reicht – und das kann ich nicht sicher ausschließen –, muss endlich die Bundesregierung auch mal handeln. Vor allem die CSU-Verkehrsminister haben seit drei Jahren kräftig auf der Bremse gestanden, um die Autobauer zu schützen. Am Ende sind Durchfahrbeschränkungen nur das zweitbeste Mittel, weil man damit die Schadstoffe des Verkehrs auf die Stadt verteilt, um überall unter dem Grenzwert zu bleiben. Die bessere Maßnahme wäre natürlich, dafür zu sorgen, dass die Autos sauberer werden. Das fällt aber in die Zuständigkeit der Bundesregierung. Was Hamburg tun kann, haben wir getan.