Manchmal kann der sagenumwobene Kyffhäuser auch eine schnöde Anwaltskanzlei sein. Und in der wartet nun seit sage und schreibe vierzehn Jahren Friedrich Merz darauf, die CDU zu retten, ihr eine neue Schneidigkeit zu schenken, eine alte Brillanz zu verleihen und einen unschuldigen Konservatismus zurückzugeben, wie sie ihn lange nicht hatte. Oder vielleicht nie.

Aber womöglich ist es gar nicht Friedrich Merz, der auf seine Rückkehr in die CDU wartet, sondern umgekehrt; womöglich wartet die CDU auf ihn oder warten ziemlich große Teile der Partei. Als die Parteioberen am Montag ihre erste Verblüffung und Erschütterung nach Merkels historischer Ankündigung, den Parteivorsitz niederzulegen, überwunden hatten und zwei von ihnen ihre eigene Kandidatur verkündeten, da schwebte laut Augenzeugen bereits das Gespenst des Friedrich Merz über den Tischen. Am Dienstagmittag verkündete der 62-Jährige dann, dass auch er sich um den CDU-Vorsitz bewirbt.

Nur, wie kann das überhaupt sein, dass sich relevante Gruppen in der Union nach einem Mann sehnen, der zuletzt politisch ernsthaft aktiv war, als die Entwürfe für Parteiprogramme noch gefaxt wurden, als Hirtenworte noch geholfen haben und der Westen dastand wie der finale Traum der Weltgeschichte? Warum verlangt es die Union nach einem Ex-Politiker, der nie mehr war als ein Fraktionsvorsitzender und auch das nur zwei Jahre lang, bis Angela Merkel ihm den Posten im Handstreich entriss?

Das war zu Beginn des Jahrhunderts, im Jahr 2002, da hatte Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat soeben die Bundestagswahl verloren, Merkel war eine noch junge Parteichefin und Merz eben Fraktionschef. Der wähnte sich im Besitz einer Zusicherung, auf diesem Posten auch nach der Wahl zu bleiben – doch hatte Merkel schon lange vor der Wahl eine Absprache mit Stoiber getroffen, dass sie selbst es würde. Helmut Kohl soll einmal über seinen eher intellektuell veranlagten Parteifreund Kurt Biedenkopf gesagt haben: "Bevor der 'Wurst' gesagt hat, hab ich sie schon gegessen." Solcherlei würde Merkel niemals über Friedrich Merz und sich selbst sagen. Gewundert hat sie sich seinerzeit aber schon über die Naivität des Kontrahenten: Wie konnte er ernstlich glauben, dass die Vorsitzende einer Oppositionspartei auf den Fraktionsvorsitz verzichten würde? Da hätte sie auch gleich ganz zurücktreten können. Ist sie nicht, sondern hat rechtzeitig und sehr eindringlich mit Edmund Stoiber geredet.

Das Bedürfnis der CDU nach einem wie Friedrich Merz speist sich also eher nicht aus der Erwartung, dass er machtpolitisch besonders abgefeimt sein könnte, realpolitisch gewieft wie Bismarck, Kohl oder halt Angela Merkel. Es ist das Wort, wonach es die Partei dürstet, es sind die Reden, die Sinn und Stärke vermitteln und ein Gefühl von geradlinigem, stolzem Konservatismus.

Und reden kann er nun wirklich, der Merz.

Man kann sich das diesbezügliche Leiden der CDU gar nicht schmerzhaft genug vorstellen. Die Ära Merkel war eine Zeit der Wortkargheit und des Sinnverlusts. Und wer hier einwendet, dass doch auch Helmut Kohl kein großer Redner, sondern eher ein großer Nuschler war, der verkennt, welche Revolution die CDU in den vergangenen zwanzig Jahren durchlebt und durchlitten hat, für die sie ein paar gute Worte zum seelischen und geistigen Überleben dringend gebraucht hätte.

Natürlich, die Union gilt gemeinhin nicht als Programmpartei: Ihre Essenz, heißt es, sei die Macht, nicht die Ideologie. Doch hat diese Regel in der Ära Merkel Zug um Zug an Geltung verloren. Jahrzehntelang brauchte die CDU nur wenig eigene Programmatik, weil die Programmatik der Republik in sie eingeschrieben war, oder umgekehrt: weil sie in der langen Ära Adenauer die Programmatik der Republik mit entworfen hatte. Westbindung, Verankerung im transatlantischen Bündnis; Festhalten am Ziel der deutschen Einheit; die soziale Marktwirtschaft; und nicht zuletzt Europa als Fluchtpunkt.

Mittlerweile jedoch sind alle diese Orientierungen brüchig geworden, wenn nicht gar obsolet: Das atlantische Bündnis wurde von den Amerikanern zunächst missbraucht (unter George W. Bush), dann gelockert (unter Barack Obama) und schließlich torpediert (unter Donald Trump); die deutsche Einheit hat sich erfüllt, zumindest staatlich, und dadurch politisch erledigt; die soziale Marktwirtschaft steht durch Digitalisierung und Globalisierung mehr unter Druck als jemals zuvor; und aus dem transnationalen Projekt der Europäischen Union schallt es immer lauter nationalistisch zurück.