Lauter Birkenstämme stehen im Museum, daran Bildschirme, auf denen Wälder zu sehen sind – das russisch-ukrainische Grenzgebiet. Eine Frauenstimme erzählt von der Vereinnahmung der Ästhetik durch die Politik, und es wirkt wie ein Film des Avantgarde-Regisseurs Andrej Tarkowski. Dahinter steckt allerdings ein Kollektiv, das gerade weltweit von sich reden macht, eine Gruppe von Designern mit dem Namen Metahaven. Erstmals werden sie jetzt mit einer großen Überblicksausstellung geehrt, in Amsterdam und in London. Wer wissen will, was Design, was Kunst heute sein können, wie sich Gestaltung politisieren und Ideologiekritik mit grafischen Mitteln betreiben lässt, der ist hier genau richtig.

Das 2007 von den niederländischen Grafikern Vinca Kruk und Daniel van der Velden gegründete Kollektiv gestaltet keine Bankenjahresberichte oder Sportschuh-Werbekampagnen. Zu den Kunden ihres Büros zählen Kunstverlage wie Veliz oder Kulturinstitutionen wie die Tensta Kunsthall in Stockholm. Wirklich bekannt wurde Metahaven aber durch Essays über Design, Politik und Netztheorie, die viele weitere Denker und Künstler neugierig machten.

Alle gemeinsam beschäftigt sie die visuell überfrachtete Digitalwelt. Sie recyceln den grafischen Müll, den der Großkonzerne ebenso wie den der Amateurdesigner. Als wären die Neunzigerjahre nie zu Ende gegangen, leuchten die Buchprojekte und Videos von Metahaven in Pastelllila, Türkis und Mattgold, ein Rückgriff auf die naiven Anfangszeiten des Digitalen, der wiederum auf die Theorien der Grafiker zurückgeht. In ihrem Manifest White Night heißt es, Design sei die Gestaltung von Oberflächen, die bisher begrenzt waren, etwa auf Papier, die sich hingegen jetzt im endlosen digitalen Raum "jenseits jeglicher Notwendigkeit, jenseits der Vernunft" vermehren. Metahaven treibt mit dieser Art von Unvernunft sein satirisches Spiel und entblößt die schöne neue Bilderwelt.

Das Visual Branding von Transnistrien

Auch die politische Dimension dieser Welt beschäftigt das Kollektiv immer mal wieder. 2010 erschien Uncorporate Identity, ein Buch, das auf über 600 Seiten die visuelle Sprache von Staaten und Unternehmen untersucht. Essays von Architekten und Philosophen behandeln das Visual Branding der letzten Sowjetrepublik Transnistrien oder die Verwendung von Bildern im Krieg gegen den Terror. Beschrieben wird auch das erste gemeinsame Projekt der Metahaven-Designer: eine visuelle Identität für das "Fürstentum Sealand". Diese Ölbohrplattform vor der britischen Küste reklamiert für sich den Status eines unabhängigen Staates. Van der Velden und Kruk faszinierte an Sealand die fiktive Staatlichkeit. Alle Staaten vergewissern sich ihrer Existenz durch Symbole und Bilder; hier hatte Metahaven die Chance, selbst solche Bilder und Symbole zu produzieren, das Kollektiv entwarf Pässe und Logos staatlicher Institutionen für Sealand. Ein Spiel, das die identitätspolitische Bedeutung dieser Zeichenwelt herausarbeitete.

2010 suchten die Designer den Kontakt zu WikiLeaks und schlugen vor, der Enthüllungsplattform eine Corporate Identity zu gestalten, inklusive Merchandiseprodukten, um einen Finanzboykott durch Kreditkartenfirmen zu umgehen. Neben T-Shirts und Kaffeetassen entwarfen sie Schals, die mit ihren camouflageartigen Mustern auf Themen wie Überwachung und Transparenz anzuspielen schienen. Dabei kopierten sie Louis-Vuitton-Schals, sodass man sich mit diesen nun die Netzkultur der endlosen Raubkopien um den Hals wickeln kann. Die Entwürfe für WikiLeaks und andere Grafikarbeiten wie Poster und Bücher sind im ersten Raum in Amsterdam ausgestellt.

Es folgen vier Säle, in denen Metahavens Videos zu sehen sind, Arbeiten, die nicht zuletzt die Enttäuschung über WikiLeaks spiegeln, das sich als libertäre Trollplattform entpuppte. Damit löste sich für Metahaven die Illusion auf, das Internet sei ein Instrument der Befreiung. Zugleich zeigen die Videos, wie sich die Designer immer weiter der Kunstszene annäherten.

Der Unterschied zwischen Design und Kunst, so Daniel von der Velden, liege in der Arbeitsweise und auktorialen Kontrolle: Im Studio von Metahaven beteiligten sich alle gleichberechtigt, jeder Angestellte, jede Praktikantin arbeitete mal an einem Poster oder einer Website. Auf diese Weise sind auch die ersten filmischen Arbeiten von Metahaven entstanden, die Musikvideos für die amerikanische Pop-Sängerin Holly Herndon sowie die Netz-Dokus Black Transparency von 2013 und City Rising von 2014. Doch offensichtlich gelangte dieses basisdemokratische Verfahren an seine Grenzen. Mit The Sprawl (2016) verabschiedeten sich Metahaven vom Studio-Modell, seitdem halten die beiden Gründungsdesigner alle Fäden in der Hand.