Micky als Matrose in dem Film "Steamboat Willie" von 1928 © Disney

Der schönste Moment dieser Reise ist auch ein bisschen absurd. Wir befinden uns in Glendale im nördlichen Großraum Los Angeles. Im lang gezogenen Flachbau der Walt Disney Animation Research Library nimmt eine lächelnde, aber energische Dame der Besucherin Wasserflasche und Kugelschreiber ab. Nichts soll die alten Disney-Originalzeichnungen in Gefahr bringen. Akkurat drapiert liegen sie auf großen Bürotischen, sie werden von mehreren Mitarbeitern bewacht. Die Aufregung um die kostbaren Blätter produziert infantile Fantasien: Wie wäre es, ins Eckchen einer Zeichnung ein Wer-das-liest-ist-doof zu krakeln?

Doch dann ist es schlicht ergreifend, sie zu sehen: die Skizze des frühen Micky vom Ende der Zwanzigerjahre. Auf dem vergilbten Papier wirkt die Maus befremdlich: Sie hat keine Pupillen und schwarze Hände, erst später wird sie weiße Handschuhe tragen. Die Schnauze ist spitz, die Beinchen stecken in ziegelsteinartigen Schuhen, während das Gesicht schon die vertraute Mischung aus forschem Optimismus und Keckheit verströmt. Das kaum 10 mal 20 Zentimeter messende Blättchen stellt die Geburt der berühmtesten Maus der Welt dar. Es ist der Grundstein des Disney-Imperiums. Micky Maus, die Figur aus drei Kreisen, wurde zur ikonischen Silhouette. Kinderleicht zu entziffern, Inbegriff einer freundlich-rundlichen Kulturindustrie. Universeller konnte das amerikanische Versprechen von Entertainment und flutschigem Konsum nicht in die Welt getragen werden.

Die Idee zur Maus kam dem 26-jährigen Walt Disney 1927 angeblich auf einer Zugfahrt von New York nach Los Angeles. Gerade hatte der junge, aufstrebende Zeichner und Produzent einem Finanzier die Rechte an seinem Cartoon Oswald, der lustige Hase überlassen müssen. Er selbst war pleite und brauchte dringend eine neue Figur. Gemeinsam mit dem Zeichner Ub Iwerks entwickelte er die Maus als zunächst noch übermütigen Charakter mit einem leichten Hang zu Grausamkeiten. In Glendale ist eine Skizze aus dem allerersten Micky-Film Plane Crazy zu sehen. Darauf kurbelt die Maus einen Flugzeugpropeller mit einem in die Länge gezogenen Dackel an.

Es ist das erste Mal, dass die Firma Disney ihre Archive für Journalisten öffnet, sozusagen als Geschenk zu den Feierlichkeiten rund um den 90. Micky-Geburtstag. Wir, die Beschenkten, sind ein Grüppchen internationaler Journalisten, die vom Disney-PR-Team zur Begrüßung eine Tüte erhalten. Darin befinden sich: eine "personalisierte" Micky-Zeichnung, eine Einladung zur Gold Membership im Disney-Fanclub, eine Micky-Puppe aus flauschigem Polyester, made in China. Außerdem bekommen wir Namensschilder mit dem Schriftzug "Happy Birthday Mickey!".

Kommerzielles Weltkulturerbe

Offizieller Geburtstag der Maus ist die Uraufführung von Disneys erstem Tonfilm Steamboat Willie am 18. November 1928. Als Matrose eines Dampfers hat Micky eine unangenehme Begegnung mit einem fetten Kater (Vorläufer von Karlo) und hievt eine Kuh (Vorläuferin von Klarabella) mit einem Kran auf Deck. Die verspätet am Anleger eintreffende Minnie wird auf die gleiche Weise an Bord verfrachtet. Die Maus ist hier schon der naseweise Pionier in eigener Sache, die wandelnde Metapher eines uramerikanischen Pragmatismus – aber zugleich noch ein kleiner Anarchist. In den kommenden Jahren wird ihr Weltzugriff der patenten Lösungen immer harmloser werden: familienfreundlich, massentauglich, elternverbandskompatibel.

Schon kurz nach seiner Erfindung schießt Mickys Beliebtheit in den Himmel. Während der Großen Depression wird er zum tröstlichen Maskottchen der amerikanischen Nation – und zum kommerziellen Superstar: 1933 präsentieren Walt Disney und sein Bruder Roy auf der Weltausstellung in Chicago eine Micky-Uhr mit den Ärmchen und knubbeligen Händen der Maus als Zeigern. Im ersten Jahr werden davon in den USA 900.000 Exemplare verkauft, im zweiten fast drei Millionen. Ende der Dreißigerjahre, als der Ruhm der Maus ein wenig abflaut, lässt Disney mit seinem untrüglichen Sinn für die Bedürfnisse des Universums eine neurotische, tollpatschige Ente entwickeln. Eine der Zeichnungen auf dem Tisch der Animation Research Library zeigt einen Donald-Duck-Entwurf von Carl Barks: Donald in der Pose des sich selbst belügenden Größenwahns. Während Micky das Leben umarmt, scheint Donald ihm hinterherzuwatscheln.

Durch das Archiv, das eigentlich nur für Disney-Mitarbeiter – Zeichner, Regisseure, Produktentwickler – zugänglich ist, begleitet uns dessen Leiter Fox Carney, ein netter Mittsechziger mit malvenfarbener Krawatte. Stolz führt er durch gekühlte Tresorräume mit Entwürfen und Skizzen der Disney-Figuren, entlang endloser Flure mit gerahmten Motiven. Aus Glasschränken lugen Modelle: Gipsfiguren der Zwerge aus Schneewittchen und die sieben Zwerge von 1937, die aus Silikon geformten Ratten aus Ratatouille von 2007. Um eine Vorstellung zu geben: Allein für den 1950 herausgekommenen Animationsfilm Cinderella fertigten rund 300 Cartoonisten mehr als eine Million Zeichnungen an. Zwischen 70 und 100 Millionen Blätter umfasse die Sammlung, meint Fox Carney, ganz genau könne das aber niemand sagen. Das ist der Archivierungswahn der Disney Company. Der Ort ist eine Mischung aus kommerziellem Weltkulturerbe und popkulturellem Reliquienschrein. Selbst auf den Toiletten hängen Micky-Bilder.