Zum Grinsen verdammt

Der schönste Moment dieser Reise ist auch ein bisschen absurd. Wir befinden uns in Glendale im nördlichen Großraum Los Angeles. Im lang gezogenen Flachbau der Walt Disney Animation Research Library nimmt eine lächelnde, aber energische Dame der Besucherin Wasserflasche und Kugelschreiber ab. Nichts soll die alten Disney-Originalzeichnungen in Gefahr bringen. Akkurat drapiert liegen sie auf großen Bürotischen, sie werden von mehreren Mitarbeitern bewacht. Die Aufregung um die kostbaren Blätter produziert infantile Fantasien: Wie wäre es, ins Eckchen einer Zeichnung ein Wer-das-liest-ist-doof zu krakeln?

Doch dann ist es schlicht ergreifend, sie zu sehen: die Skizze des frühen Micky vom Ende der Zwanzigerjahre. Auf dem vergilbten Papier wirkt die Maus befremdlich: Sie hat keine Pupillen und schwarze Hände, erst später wird sie weiße Handschuhe tragen. Die Schnauze ist spitz, die Beinchen stecken in ziegelsteinartigen Schuhen, während das Gesicht schon die vertraute Mischung aus forschem Optimismus und Keckheit verströmt. Das kaum 10 mal 20 Zentimeter messende Blättchen stellt die Geburt der berühmtesten Maus der Welt dar. Es ist der Grundstein des Disney-Imperiums. Micky Maus, die Figur aus drei Kreisen, wurde zur ikonischen Silhouette. Kinderleicht zu entziffern, Inbegriff einer freundlich-rundlichen Kulturindustrie. Universeller konnte das amerikanische Versprechen von Entertainment und flutschigem Konsum nicht in die Welt getragen werden.

Die Idee zur Maus kam dem 26-jährigen Walt Disney 1927 angeblich auf einer Zugfahrt von New York nach Los Angeles. Gerade hatte der junge, aufstrebende Zeichner und Produzent einem Finanzier die Rechte an seinem Cartoon Oswald, der lustige Hase überlassen müssen. Er selbst war pleite und brauchte dringend eine neue Figur. Gemeinsam mit dem Zeichner Ub Iwerks entwickelte er die Maus als zunächst noch übermütigen Charakter mit einem leichten Hang zu Grausamkeiten. In Glendale ist eine Skizze aus dem allerersten Micky-Film Plane Crazy zu sehen. Darauf kurbelt die Maus einen Flugzeugpropeller mit einem in die Länge gezogenen Dackel an.

Es ist das erste Mal, dass die Firma Disney ihre Archive für Journalisten öffnet, sozusagen als Geschenk zu den Feierlichkeiten rund um den 90. Micky-Geburtstag. Wir, die Beschenkten, sind ein Grüppchen internationaler Journalisten, die vom Disney-PR-Team zur Begrüßung eine Tüte erhalten. Darin befinden sich: eine "personalisierte" Micky-Zeichnung, eine Einladung zur Gold Membership im Disney-Fanclub, eine Micky-Puppe aus flauschigem Polyester, made in China. Außerdem bekommen wir Namensschilder mit dem Schriftzug "Happy Birthday Mickey!".

Kommerzielles Weltkulturerbe

Offizieller Geburtstag der Maus ist die Uraufführung von Disneys erstem Tonfilm Steamboat Willie am 18. November 1928. Als Matrose eines Dampfers hat Micky eine unangenehme Begegnung mit einem fetten Kater (Vorläufer von Karlo) und hievt eine Kuh (Vorläuferin von Klarabella) mit einem Kran auf Deck. Die verspätet am Anleger eintreffende Minnie wird auf die gleiche Weise an Bord verfrachtet. Die Maus ist hier schon der naseweise Pionier in eigener Sache, die wandelnde Metapher eines uramerikanischen Pragmatismus – aber zugleich noch ein kleiner Anarchist. In den kommenden Jahren wird ihr Weltzugriff der patenten Lösungen immer harmloser werden: familienfreundlich, massentauglich, elternverbandskompatibel.

Schon kurz nach seiner Erfindung schießt Mickys Beliebtheit in den Himmel. Während der Großen Depression wird er zum tröstlichen Maskottchen der amerikanischen Nation – und zum kommerziellen Superstar: 1933 präsentieren Walt Disney und sein Bruder Roy auf der Weltausstellung in Chicago eine Micky-Uhr mit den Ärmchen und knubbeligen Händen der Maus als Zeigern. Im ersten Jahr werden davon in den USA 900.000 Exemplare verkauft, im zweiten fast drei Millionen. Ende der Dreißigerjahre, als der Ruhm der Maus ein wenig abflaut, lässt Disney mit seinem untrüglichen Sinn für die Bedürfnisse des Universums eine neurotische, tollpatschige Ente entwickeln. Eine der Zeichnungen auf dem Tisch der Animation Research Library zeigt einen Donald-Duck-Entwurf von Carl Barks: Donald in der Pose des sich selbst belügenden Größenwahns. Während Micky das Leben umarmt, scheint Donald ihm hinterherzuwatscheln.

Durch das Archiv, das eigentlich nur für Disney-Mitarbeiter – Zeichner, Regisseure, Produktentwickler – zugänglich ist, begleitet uns dessen Leiter Fox Carney, ein netter Mittsechziger mit malvenfarbener Krawatte. Stolz führt er durch gekühlte Tresorräume mit Entwürfen und Skizzen der Disney-Figuren, entlang endloser Flure mit gerahmten Motiven. Aus Glasschränken lugen Modelle: Gipsfiguren der Zwerge aus Schneewittchen und die sieben Zwerge von 1937, die aus Silikon geformten Ratten aus Ratatouille von 2007. Um eine Vorstellung zu geben: Allein für den 1950 herausgekommenen Animationsfilm Cinderella fertigten rund 300 Cartoonisten mehr als eine Million Zeichnungen an. Zwischen 70 und 100 Millionen Blätter umfasse die Sammlung, meint Fox Carney, ganz genau könne das aber niemand sagen. Das ist der Archivierungswahn der Disney Company. Der Ort ist eine Mischung aus kommerziellem Weltkulturerbe und popkulturellem Reliquienschrein. Selbst auf den Toiletten hängen Micky-Bilder.

Vom Mäusematrosen zum Kommerzkraken

Die Autorin denkt an ihre allererste Disney-Begegnung im Alter von sechs Jahren. Nach einer schmerzhaften Impfung gab es von Mama einen Comic-Band der Reihe Lustige Taschenbücher, Titel: Hier geht’s rund. Auf dem Cover tanzen Klarabella und Dagobert. Das Büchlein war das Versprechen ewiger Kindheit in der Kindheit. Donald Duck, Onkel Dagobert, Tick, Trick und Track, Micky und Minnie – sie wurden zu lustigen Weggefährten, Verwandten, Vertrauten in einer jederzeit zugänglichen, ausschließlich weißen amerikanischen Kleinstadtfantasie.

Durch weitläufige Flure führt uns der Archivleiter zu den Räumen, in denen die Zeichnungen digitalisiert werden. Turmhohe Kamera-Aufbauten thronen über Leuchttischen. Gerade ist eine Szenenfolge aus den Vierzigerjahren an der Reihe: Micky spielt Gitarre, was angesichts seiner vier Finger rührend aussieht. "Etwa tausend Blätter schaffen wir am Tag", sagt Carney. "Wenn wir uns ranhalten, sind wir in fünfzig Jahren fertig."

Draußen im Flur hängen Figurenentwürfe zu dem Zeichentrickfilm Fantasia von 1940, einer frühen Form des Musikvideos mit Werken von Tschaikowski, Schubert, Bach, Beethoven, Mussorgski. Eine Zeichnung zeigt Micky, glücklich lächelnd als Zauberlehrling mit Hütchen und Umhang, umgeben von einem glitzernden Funkenschweif. Es ist ein Bild der Grazie, die perfekte Synthese von Unterhaltung und Poesie. Aber wie verträgt sich diese Zartheit mit der Brutalität ihrer Vermarktung? Wie verbinden wir Walt Disney, dessen liebenswerte Figuren unsere Träume, Biografien, Gedanken bewohnen, mit dem Mann, den Theodor W. Adorno als gefährlichsten Menschen Amerikas bezeichnet hat – als Repräsentanten der kommerziellen Verzuckerung, des kulturindustriellen Bösen?

Mit einem Gesamtwert von 178 Milliarden Euro ist die Walt Disney Company heute das größte Medienunternehmen der Welt. Jenseits der Filmproduktionen und Lizenzgeschäfte verdient sie an Fernsehsendern, Buchverlagen, Theatern, Streamingportalen, Ozeandampfern. Die Simpsons, die Star Wars-Serie, das Pixar-Studio, Marvels Superhelden – sie alle gehören inzwischen zum Konzern. Erst kürzlich schluckte die Firma die Film- und Fernsehtöchter von 20th Century Fox für 71 Milliarden Dollar. 40 Prozent aller US-Kinoeinnahmen dieses Jahres landen in den Kassen von Disney.

Nicht rauchen, keine Drogen, kein Sex

Vom Mäusematrosen zum Kommerzkraken, der den Globus im Griff hat – etwas hat sich verselbstständigt. Aber im Kern ist auch etwas gleich geblieben. Was das sein könnte, ahnt man beim Treffen mit Eric Goldberg, einem der Chefzeichner von Disney. An seinem Pult skizziert der 63-Jährige – grauhaarig, Brille, Schnauzbart, psychedelisches Hemd – auf großen Papierbögen die Entwicklung von Micky im Lauf der Jahrzehnte nach. Die Maus des Zeichners Fred Moore, der ihr Ende der Dreißigerjahre einen weicheren Stil verlieh, mit Pupillen und fließenden Bewegungen. Dann die Fünfzigerjahre, Micky wird zur angepassten Suburbia-Figur: lange Hose, überhängendes Hemd, Haus im Ranch-Dekor. "Und jetzt ein Insiderwitz!" Goldberg strichelt einen kubistisch wirkenden Micky aus einem Werbespot der Sechzigerjahre. Mit schräg auf dem Kopf sitzendem Hütchen und spiralförmigem Schwanz: "Walt hat diesen Ausreißer sofort verboten!" Die Siebzigerjahre: Micky im weißen John-Travolta-Anzug. Ein Hauch von Saturday Night Fever. Ganz klar, die Maus ging mit der Zeit. Gibt es etwas, was sie nicht darf? "Sie darf nicht rauchen, keine Drogen nehmen, keinen Sex haben. Außerdem darf sie nicht die Hosen runterlassen und nicht politisch sein", sagt Goldberg. "Und sie darf uns keine Angst machen." Er denkt einen Moment nach. "Gut, in Runaway Brain von 1995 wurde Mickys Gehirn mit elektrischen Strömen in den Kopf eines Monsters verpflanzt. Aber weiter sind wir nicht gegangen."

Seit 26 Jahren arbeitet Eric Goldberg für Disney. Ist es nicht langweilig, immer die gleichen Figuren zu zeichnen? "Ganz ehrlich, nein", sagt Goldberg. "Gerade die Einfachheit der Maus ist die Herausforderung. Wenn eine einzige Linie nicht stimmt, ist Micky nicht mehr Micky."

Seit dem Ende der Achtzigerjahre hat sich Micky jedoch nicht mehr weiterentwickelt. Die Maus war gelähmt durch die Millionen Lizenzprodukte, in denen ihre Züge erstarrt sind. Festgeschrieben ist ihre Gestalt – und die der anderen Disney-Figuren – im Character Licensing Guide, einer Lizenzbibel, die jedes Detail der Reproduktionen vorschreibt.

"Ich bin hier an einem Ort, an dem Nerds ihren Platz haben"

Auf dem Weg zur Sammlung der Lizenzprodukte machen wir halt im Disney-Hauptquartier in Burbank. 20.000 Angestellte entwickeln, verwalten und verkaufen hier das große Narrativ des Konzerns. Im Zentrum steht das großartig kitschige "Dwarf-Building", eine Art Tempel, dessen Tympanon von Zwergenfiguren getragen wird. Davor: eine Bronzeskulptur von Walt Disney mit Micky an der Hand. In Burbank erfahren wir, dass die nördlichen Länder Europas Donald Duck lieben, während der Süden Micky bevorzugt. Dass Micky in einem Cartoon von 2012 dann doch seine Hose auszog, um damit einen fehlenden Badewannenstopfen zu ersetzen. Dass die Archive der Firma Disney auch aus Kostümen, Firmenunterlagen, technischem Equipment, Requisiten, insgesamt aus mehreren Millionen Gegenständen bestehen – untergebracht in riesigen Lagerhallen im San Fernando Valley bei Los Angeles.

Nichts erfahren wir über Walt Disney, den angeblichen Kommunistenhasser, FBI-Spitzel, obsessiven Geizkragen und Produzenten des von rassistischen Klischees durchdrungenen Südstaaten-Musicals Onkel Remus’ Wunderland.

Ein Glück, dass wir schließlich in der Abteilung landen, die ein paar Widersprüche vereint oder zumindest nicht übertüncht: die Consumer Products Archives. Seit 2006 werden hier die in die Welt verstreuten Lizenzprodukte aus fast 100 Jahren Disney-Geschichte gesammelt. Von der allerersten Micky-Schreibtafel für Schüler aus den Zwanzigerjahren über Micky-Mappe, -Uhren, -Schuhe und -Kaffeebecher bis zu Disney-Computerspielen – insgesamt mehr als 100.000 Gegenstände. Begründet wurde das Archiv von Elizabeth, genannt "Libby", Spatz, einer erfahrenen Archivarin und Bibliothekarin, die zuvor beim J. Paul Getty Museum arbeitete. Spatz trägt eine rosa Wolljacke und die Original-Micky-Maus-Uhr der Dreißigerjahre. Über ihre Brillenränder hinweg erzählt sie, dass sie 1955 den ersten Disney-Themenpark bei Los Angeles am Eröffnungstag besucht habe – als ungeborenes Baby im Bauch ihrer Mutter: "Ich habe Disney-DNA." Ihre Lieblingswörter sind "ikonisch" und "fantastisch". Mit welchem Ernst sie ihren Job ausübt, wird deutlich, als sie mit kaum verhohlener Verachtung eine struppige Micky-Puppe aus den Dreißigerjahren aus dem Regal holt und als Fälschung vorstellt: "Diese linkischen Beine, man sieht sofort, dass das nicht Disney sein kann." Ein zentraler Teil ihrer Arbeit bestehe im Aufspüren von verschollenen Disney-Produkten und in der Motivforschung, sagt Spatz. Sie zeigt ein in Plastik verschweißtes Spiegelset mit Kamm und Bürste, das 1995 als Merchandisingprodukt zu dem Disney-Film Pocahontas verkauft wurde – auf der Rückseite des Spiegelchens kann man verschwommen einen Wald erkennen. Gerade erst, erzählt sie flüsternd vor Aufregung, habe sie die monatelange Suche nach diesem Waldgemälde aus dem 18. Jahrhundert abgeschlossen.

Lizenz für Sex-Spielzeug?

In ihrer Freizeit durchforste sie Flohmärkte nach Disney-Produkten. Und dann sagt sie den Satz: "Ich bin hier an einem Ort, an dem Nerds ihren Platz haben." Zwei Stunden lang bleibt unsere kleine Gruppe bei der Frau, die die Verschmelzung von Traum und Geschäft, Kunst und Merchandising so perfekt verkörpert, als hätte Walt Disney sie erfunden.

Irgendwann fragt eine englische Kollegin, ob es auch eine Disney-Lizenz für Sex-Spielzeug gebe. Elizabeth "Libby" Spatz verzieht keine Miene und sagt: "Nein. Aber mit Sicherheit gibt es illegale Produkte. Ich kann das gerne für Sie recherchieren."

Am Ende des Tages, es muss einfach sein, wird im Fanshop eine Micky-Tasse erstanden. Drei lustige Kreise. Zum ersten Mal entsteht so etwas wie Mitgefühl mit der amerikanischen Maus, die so frei in die Welt zog und sie nun mit erstarrtem Grinsen beherrscht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio