Das Auswahlverfahren war hart. Dutzende Gespräche, Fragebögen, sogar ein Intelligenztest. Die Besten haben sie auf eine Trekkingtour durch die Rocky Mountains geschickt. Dann kam die E-Mail aus den USA: Herzlichen Glückwunsch, Frau Heinicke, Sie sind Teil der Crew. Das war pure Freude.

Ich habe an einer Mars-Studie der Nasa teilgenommen. Ein Jahr sollten wir so leben, als wären wir auf einer Mars-Expedition. Nur dass unser Habitat in Wirklichkeit auf Hawaii stand, am Fuß eines großen Vulkans. Sechs Personen unter einer Plastikkuppel mit nur elf Meter Durchmesser. Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen dauerte jedes Mal 45 Minuten, weil so lange das Funksignal zwischen Mars und Erde braucht. Die Nasa wollte herausfinden: Was passiert mit Menschen, die monatelang auf engstem Raum leben, abgeschnitten von der Außenwelt?

Nach der Zusage habe ich meine Sachen bei meinen Eltern auf den Dachboden gestellt und bin nach Hawaii geflogen. Eine Woche Vorbereitungskurse, ein letztes Bad im Pazifik, dann ging die Tür zu.

Das ganze Erdgeschoss war ein großer Gemeinschaftsraum. Oben hatten wir eigene kleine Zimmer. Ich hatte Sorge, dass es eng werden würde. Aber durch die hohe Kuppel fühlte sich der Raum größer an, als er war. Wir waren wie eine WG: Putzen am Wochenende, jeden Tag musste einer kochen, ich war donnerstags dran. Wir hatten gefriergetrocknetes Essen für ein Jahr. Wenn man das mit Wasser versetzt, schmeckt es fast frisch. Aber eben nur fast. Irgendwann schmeckt alles ähnlich. Am meisten habe ich frische Himbeeren vermisst.

Tagsüber haben wir an unseren Experimenten gearbeitet. Ich sollte zum Beispiel herausbekommen, wie viel Wasser man mit einem speziellen Gerät aus dem Lavagestein kondensieren kann. Einen Liter pro Woche habe ich geschafft. Das klingt nicht viel, ist aber für die Umstände ein gutes Ergebnis.

In meiner Freizeit habe ich Mundharmonika gelernt, ein anderes Crewmitglied spielte Ukulele. House of the Rising Sun war eines unserer Lieblingslieder. Mein eigentliches Hobby waren aber die Außeneinsätze. Das ging nur in Raumanzügen, die man sich aufwendig anziehen musste. Und draußen war es durchaus gefährlich. Auf der scharfkantigen Lava konnte man sich leicht verletzen. Ich brauchte aber einfach die Abwechslung. Innerhalb des Habitats konnte man die Sonne nicht sehen, nur das matte Weiß der Plastikkuppel. Dazu immer die gleichen Gerüche, immer dieselben Leute.

Es gab keinen heftigen Streit, aber mit der Zeit haben sich doch Gruppen gebildet. Zwei von uns waren sehr auf Sicherheit bedacht, die anderen waren abenteuerlustiger. Ich gehörte zu den Entdeckern. Wir haben sogar diskutiert, ob man eine Schutzbrille tragen soll, wenn man eine Schraube in die Wand dreht. Auf so eine Idee käme ich gar nicht. An Abbruch habe ich aber nie gedacht. Meine Familie, meine Freunde, die Medien, die haben das ja alle verfolgt. Und, ja, es gab auch romantische Beziehungen. Ich möchte aber nicht darüber reden.

Einige in der Crew haben die Tage bis zum Ende der Mission gezählt. Ich wäre gerne noch länger geblieben, um meine Experimente zu Ende zu bringen. Als am letzten Tag der Vorhang aufging und uns draußen an die 70 Leute zujubelten, habe ich gedacht: Was macht ihr hier, weg aus unserem Vorgarten! Das war total surreal. Dann habe ich das Buffet entdeckt. Es gab, was wir uns gewünscht hatten: Pizza, Saft, Gemüse – und endlich frische Himbeeren.

Das Jahr hat mich geprägt. Heute entwickle ich in Bremen ein Habitat, das man eines Tages wirklich auf dem Mars benutzen könnte. 2030 soll es so weit sein. Unsere Kuppel auf Hawaii war im Vergleich dazu ein besseres Zelt.

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