Im Schatten des Naumburger Doms in einer kleinen Gasse sitzt die Redaktion einer der populärsten Internetseiten des Landes. In einem der schmalen Häuser lehnt sich Thomas Böhm auf seinen Küchentisch. Böhm könnte ein bescheidener Mann sein kurz vor der Pensionierung. Doch stattdessen tüftelt er an einem ambitionierten Projekt. Aus seiner Küche betreibt er mit seiner Ehefrau ein rechtes Start-up: die Website Journalistenwatch (Jouwatch). Warum? "Die Regierung darf nicht unwidersprochen Dinge tun, sie muss Kritik spüren und Widerstand", sagt Böhm.

Journalistenwatch ist kein neutrales Portal. Auf der Seite schaltet die AfD Anzeigen, ebenso die vom Verfassungsschutz beobachtete, rechtsextreme Identitäre Bewegung, das rechte Modelabel Phalanx Europa und der Kopp-Verlag. Hier erscheinen Texte des neurechten Theoretikers Götz Kubitschek neben Artikeln des rechten Compact-Verlegers Jürgen Elsässer, vom AfD-Rechtsaußen Björn Höcke oder vom österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ). Die Überschriften lauten "17-jähriges Goldstück aus Somalia auf Sextrip in Bonn" oder "Irrenhaus Deutschland: Moslems sind Nazis, und Nazis sind Moslems?". Über die Ausschreitungen in Chemnitz heißt es: "Ein heißer Herbst steht uns bevor – die Straße gehört den Patrioten!" Hunderttausendfach wird Jouwatch nach Angaben Böhms geklickt. Die Rangliste des Analysedienstes 10000flies zeigt, dass die Artikel in den sozialen Medien heute bisweilen mehr Menschen erreichen als die Angebote von FAZ, SZ oder ZEIT ONLINE.

Dabei startete das Projekt bescheiden. Bis ihm ein Jenaer Anwalt unter die Arme griff.

Er heißt Philipp Wolfgang Beyer, war ein Geldgeber hinter Jouwatch und steht im Mittelpunkt eines Geflechts aus obskuren Tarnvereinen, die er geschaffen hat. Beyer, der von einem Turmzimmer in der Jenaer Innenstadt aus agiert, hat mit seinen Aktivitäten Verbindungen quer durch das neurechte Spektrum – vom Rittergut Schnellroda des Verlegers Götz Kubitschek bis in das Bundestagsbüro des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland.

© Jelka Lerche für DIE ZEIT

Seit fünf Jahren tritt die Neue Rechte zunehmend selbstbewusst auf mit eigenen Plattformen, Verlagen, Vereinen und mit der AfD im Bundestag. Darin haben einige ein Geschäftsmodell erkannt. Sie verdienen Geld mit dem Aufstieg der Neuen Rechten: Sie verkaufen Kleidung wie der österreichische Leiter der Identitären Bewegung, Martin Sellner, der die Modemarke Phalanx Europa betreibt. Andere Rechtsextreme bieten mit dem "Pils Identitär" ein Bier an oder geben das identitäre Hipster-Magazin Arcadi heraus. Rechte Kleinstverlage wie Antaios oder Kopp schaffen es mit ihren Büchern bis auf die Bestsellerlisten. Und ein ganz eigenes Geschäftsmodell verfolgt der Rechtsanwalt Beyer.

Das System, das den Juristen in Kontakt mit den Spitzen der neurechten Bewegung bringen sollte, erprobte der Anwalt jahrelang in anderen unpolitischen Bereichen. Über ein Jahrzehnt lang erschuf Beyer ein Gestrüpp aus Tarnvereinen, Firmen und Initiativen. Das nutzte er, um mit zwielichtigen Methoden Tausende Mandanten zu gewinnen und diese mutmaßlich – wegen dieses Vorwurfs ermittelt gerade die Staatsanwaltschaft – zu betrügen. Doch Beyer wollte mehr und begann ein Netzwerk zu flechten, das heute auf unterschiedlichen Wegen den Hass in das Land trägt.

Über 20 Vereine besorgen dem Anwalt stetig neue Mandanten

Im Jahr 2001 bezieht Beyer sein erstes Büro in Jena. Er ist aus Hamburg nach Thüringen gezogen, hier will er mit einer eigenen Kanzlei durchstarten. Sein erster Partner, ein Hochschulabsolvent, stößt zufällig auf die Geschäftsidee, die Beyers Kanzlei später mit 75 Angestellten zur größten Jenas machen soll und die schließlich dazu führt, dass Beamte die Büros durchsuchen, Akten beschlagnahmen und gegen die Anwälte ermitteln. Wegen einer Anlegersache muss Beyers Partner Akteneinsicht bei Gericht nehmen. Dabei findet er heraus, dass in den Insolvenzakten die Adressen von allen geprellten Anlegern stehen. Für Beyer und ihn ein Schatz. Jeder Betroffene könnte ihr Mandant werden. Doch es gibt ein Problem: Für Anwälte gelten strenge Regeln, wenn sie potenzielle Mandanten anschreiben. Briefe an die Betroffenen könnten gegen ein Werbeverbot verstoßen.

Beyer findet einen anderen Weg: Im Herbst 2005 gründen mehrere Mitarbeiter und Bekannte Beyers einen Verein, den Deutschen Verbraucherschutzring (DVS). In der Satzung heißt es: "Vereinszweck ist die Förderung des privaten Verbraucherschutzes in Deutschland und Europa." Noch kennt kaum jemand den Verein, doch das soll sich bald ändern. In den folgenden Jahren bekommen Hunderte Menschen, die als Investoren viel Geld verloren hatten, Post vom Verbraucherschutzring. In einem DVS-Schreiben an einen Anleger der insolventen Investmentfirma Infinus heißt es: "Aus diesen Gründen biete ich Ihnen an, Mitglied in unserer Arbeitsgemeinschaft Infinus zu werden. Neben der Bündelung Ihrer Interessen erhalten Sie so zusätzlich eine umfassende rechtliche Prüfung Ihrer Beteiligungsunterlagen durch einen auf das Kapitalanlagerecht spezialisierten Vertrauensanwalt, den wir Ihnen vermitteln."

"Wenn mal ein Verfahren gewonnen wurde, war das eine Riesenausnahme"

Sammelbriefe wie dieser wurden in Beyers Kanzlei erstellt und von dort versandt – aber auf Briefpapier des vermeintlichen Verbraucherschutzrings. So gaukelte Beyer eine unabhängige Organisation vor, die bei den Betroffenen eine hohe Glaubwürdigkeit hatte. Meldeten sich die geprellten Anleger dann bei den vermeintlichen Verbraucherschützern, empfahlen diese die Kanzlei von Beyer.

In einer Stellungnahme auf seiner Website teilt Beyer heute mit, dass an Mandanten-Akquise über selbst gegründete Vereine nichts illegal sei. Zahlreiche zivilrechtliche Auseinandersetzungen würden belegen, dass "in der Vergangenheit kein Gericht ein strafbares Verhalten erkannt hat". Der Anwalt wird von diesem Erfolg nur noch weiter angestachelt. Weggefährten beschreiben ihn als umtriebig, immer auf der Suche nach neuen Mandanten. Hatte er ein neues Thema entdeckt – eine Bankenpleite etwa oder den Abgasskandal –, baute er schnell eine Website auf, meldete fix einen Verein beim Amtsgericht an und ließ einen seiner Partner einen Werbebrief formulieren. Vor allem in Benachteiligten und Gegängelten scheinen Beyer und seine Kanzlei potenzielle Mandanten zu sehen. Um sie zu erreichen, gründen sie viele Tarnvereine und Initiativen. Sie heißen Deutscher Schutzbund gegen Diskriminierung, Stiftung Deutscher Anlegerschutz, Ausbaubeitragsstopp, Stiftung Medienopfer oder Vulkanschaden.

Ein undurchsichtiges Geflecht baut Beyer so im vergangenen Jahrzehnt auf, über 20 Vereine, Aktiengesellschaften und GmbHs existieren heute. Vereinsmitglieder sind neben seiner Ehefrau, seinen Schwiegereltern oder seiner Feng-Shui-Beraterin häufig auch Anwälte oder Sachbearbeiterinnen seiner Kanzlei. Ein Bekannter Beyers sagt der ZEIT, dass der Anwalt gleichzeitig mehr als ein Dutzend unfertige Projekte vorantrieb. Er soll sich massenhaft Domains für Websites gesichert haben, die er dann nie betrieb. Beyer sei dabei vorgegangen wie "mit einer Schrotflinte".

Das Geschäftsmodell funktionierte über zehn Jahre prächtig – für Beyer und seine Partner. Die Opfer wurden jedoch häufig zum zweiten Mal zu Opfern. Denn nur in wenigen Fällen konnte Beyers Kanzlei durch die geführten Verfahren – für die die Betroffenen die Anwälte selbstverständlich bezahlen mussten – Geld zurückholen. "Wir haben aber auch mehrere Tausend Verfahren für unsere Mandanten umfangreich gewonnen", entgegnet Beyer schriftlich. Ein ehemaliger Mitarbeiter sagte hingegen der ZEIT: "Wenn mal ein Verfahren gewonnen wurde, war das eine Riesenausnahme."

Beyers Gespür für Themen zeigt sich auch im Sommer 2011: Mit anderen Männern gründet er den Thüringer Landesverband der Partei Die Freiheit und lässt sich zum Vorstand wählen. Im Grundsatzprogramm von Beyers Landesverband heißt es: "Wir stehen kritisch gegenüber dem Islam, insbesondere gegen seine politische Ideologie, seine Demokratieverachtung und seine Frauenfeindlichkeit." Beyer, den Bekannte und Mitarbeiter als unpolitisch bezeichnen, mischt nun mit in einer Partei, deren Gedankengut fünf Jahre später der AfD in den Bundestag hilft.

Der Anwalt Philipp Wolfgang Beyer (Screenshot aus einem Video vom YouTube-Kanal seiner Kanzlei) © PWB Rechtsanwälte/Youtube

In dieser Zeit lernt Beyer auch Thomas Böhm kennen. Der schrieb als Musikredakteur einst für die linke taz und arbeitete für die Berliner Boulevardzeitung B.Z., "als Spaßredakteur", wie er sagt. Später gründete er Tausend Tölen, die "Illustrierte für alle Hundeliebhaber". Im Herbst 2011 versucht er sich an einem neuen Portal: Jouwatch. "Ich wollte mal was Neues probieren, Politikjournalist war ich noch nie", sagt Böhm heute. Das sei nicht ganz freiwillig geschehen. Nachdem er als Pressesprecher der Partei Die Freiheit aufgetreten war, habe die B.Z. seine Texte nicht mehr drucken wollen. Böhm spricht von einem "Berufsverbot". Schon lange stören ihn viele Dinge im Journalismus, die will er mit seiner Medienkritik-Seite anprangern – daher der Name Journalistenwatch, der an Abgeordnetenwatch oder andere Transparenz-Portale erinnern soll.

Der Anwalt Beyer hilft Böhm in der Anfangsphase. Der Jurist erkennt, dass der Journalist seine Hilfe braucht. Und er erkennt wohl auch die Gelegenheit, unter Böhms Lesern neue Mandanten zu gewinnen. Beyer gibt Böhm Geld und erhält dafür Werbeplatz auf dem Portal. Werbung für seine Kanzlei und die Tarnvereine erscheint von nun an neben Artikeln wie "Das Kopftuch auf dem Vormarsch in Europa". Und Beyer bindet Böhm noch enger an sich, der Journalist wird Gründungsmitglied des Tarnvereins Deutscher Finanzmarktschutz. Nebenbei versucht der Anwalt sich auch als Autor auf Journalistenwatch. Im Februar 2016 schreibt er über die "politische Elite, der von Psychologen hinter vorgehaltener Hand unterstellt wird, sie sei wegen einer Virusinfektion unerkannt geisteskrank".

Selbst die Stiftung Warentest warnt schon vor der Kanzlei

Beyers Anteil am Erfolg des Portals ist es auch, Jouwatch seriöser wirken zu lassen. Im Mai 2012 lässt er Mitarbeiter seiner Kanzlei den "Journalistenwatch e. V. – Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit" gründen. Thomas Böhm wird zum Vorstand gewählt. Mindestens eine Mitarbeiterin, deren Name in den Gründungsdokumenten auftaucht und die die ZEIT ausfindig gemacht hat, will an einer solchen Sitzung nie teilgenommen haben. Beyer, sagt sie, habe hin und wieder Unterschriften für Vereinsgründungen eingesammelt – wohl auch für diese. Der Anwalt schaffte es sogar, dass der nur auf dem Papier existierende Verein die Gemeinnützigkeit erhielt. Wer seitdem Geld an Jouwatch spendet, kann das steuerlich absetzen.

Selbst die Stiftung Warentest warnt schon vor der Kanzlei des umstrittenen Juristen

Beyer versucht währenddessen weiter, Menschen aus dem neurechten Milieu als Mandanten zu gewinnen. Das klappt. So fungieren Mitarbeiter seiner Kanzlei spätestens ab 2012 als externe Partei-Anwälte von Die Freiheit. In mindestens sieben Verfahren vertritt sie die Rechtspopulisten, das geht aus internen Unterlagen der Partei hervor, die der ZEIT exklusiv vorliegen. Doch nicht alles läuft gut. Im Sommer 2013 kündigt die Commerzbank der Partei ihre Konten, bedroht so Beyers Geschäftsmodell. Das bringt den Anwalt auf eine neue Idee. Einmal mehr gründet er dafür einen Verein. In der Satzung des "Politische Entfaltung e. V." heißt es: "Der Zweck des Vereins ist es, kleinen Parteien (...) die Parteienfinanzierung sicherzustellen und hierfür Geschäftskonten bei Kreditinstituten in Form von Treuhandkonten zu eröffnen und zu verwalten." Beyer wiederum teilte Anfang des Jahres auf seiner Homepage mit: "Ich gehöre inzwischen keiner Partei mehr an und habe das auch nie wieder vor. Ich vertrete auch weder rechtsradikale noch ausländerfeindliche Positionen."

Kurz nach der Bundestagswahl 2017 stand Wolfgang Beyer aber noch in engem Kontakt mit der AfD. Im Mittelpunkt steht dabei wieder ein Verein. Im Sommer 2011 gründet der Anwalt in Jena die Gustav-Stresemann-Stiftung e. V. Sie soll als parteinahe Stiftung im Umfeld von Die Freiheit arbeiten. Mit der Stiftung wie auch mit Journalistenwatch gelingt es Beyer, Gelder aus den USA vom Middle East Forum zu beschaffen, einer Denkfabrik, die stramm Rechte finanziert. Doch als Die Freiheit sich ab Sommer 2013 zugunsten der AfD zurückzieht, wird es auch still um die Stiftung. Erst im vergangenen Jahr taucht sie wieder auf. Mitte Dezember verkündet AfD-Parteichef Alexander Gauland: "Die AfD strebt die Anerkennung einer parteinahen Stiftung an. Ich würde es begrüßen, wenn sie Gustav-Stresemann-Stiftung heißen würde." Als Gauland diesen Satz sagt, haben bereits andere das Sagen. Beyer war als Vorstand zurückgetreten, den Verein führen jetzt AfD-Mitglieder. Damals berichtete die FAZ, dass der bisherige Vorstand Geld für seinen Abtritt erhalten habe. Beyer bestreitet das. Ende Juni dieses Jahres entschieden die Delegierten des AfD-Parteitags, eine andere Stiftung als parteinah anzuerkennen, doch in dieser soll die Stresemann-Stiftung aufgehen.

Beyer hat den Hass gefördert. Geschadet hat ihm das nicht. Doch schon drohte neuer Ärger. Im Mai 2016 setzt die Stiftung Warentest Beyers Kanzlei auf ihre Warnliste. In der Begründung heißt es: "Es ist uns nicht bekannt, dass Anleger jemals mit Staatshaftungsklagen oder mit Auskünften nach Bundesdatenschutzgesetz Schadensersatz erstritten haben." Ein Jahr später steht die Staatsanwaltschaft vor Beyers Tür. Razzia in 15 Büros und Wohnungen in fünf Bundesländern. Sie verdächtigt Beyers Kanzlei, Tausende Anleger mit unrichtigen und irreführenden Angaben in sinnlose Verfahren gelockt und damit gewerbsmäßig betrogen zu haben. Auch seine politischen Initiativen in diesem Geflecht hat die Staatsanwaltschaft im Blick. Insider schätzen, dass seine Kanzlei mehr als 6500 Mandanten um insgesamt neun Millionen Euro geprellt haben könnte.

Auch Beyers Turmzimmer in Jena wird durchsucht, Unterlagen werden beschlagnahmt. Noch ermittelt die Staatsanwaltschaft. Beyer könnte bald vor Gericht stehen. Doch selbst wenn er verurteilt würde: Der Geist, den er aus Profitgründen aus der Flasche gelassen hat, wird weiterspuken.

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