Ein hochgewachsener Mann mit schwarzer Mähne, kühn geschwungenem Schnauzbart und blitzenden Augen betritt am Abend des 5. November 1918 das Podium im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof, und die Freie und Hansestadt Hamburg erlebt eine der denkwürdigsten Stunden ihrer Geschichte. "Das Alte stürzt, und das Proletariat sieht sich über Nacht vor die Aufgabe gestellt, die politische Macht zu ergreifen", ruft er in den überfüllten Saal, seine Zuhörer lauschen atemlos.

Der Mann auf der Bühne heißt Wilhelm Dittmann, er ist Reichstagsabgeordneter der USPD – jener Gruppierung unabhängiger Sozialdemokraten, die sich 1917 von der Mehrheitsrichtung der Partei (MSPD) getrennt hat. Mit seiner Rede läutet er die Revolution in Hamburg ein. Wenige Tage lang wird Hamburg anschließend von der Hoffnung auf radikale Neuerungen erfasst, bevor der Funke der Revolution wieder erlischt.

Der Frust, der sich in diesen Tagen entlädt, ist lange gereift. Im Laufe des Krieges haben sich die gesellschaftlichen Gegensätze immer weiter verschärft. Während Rüstungsfabrikanten und Lebensmittelspekulanten Riesenprofite einstreichen, muss die Masse der Bevölkerung hungern. In Lebensmittelunruhen und Streiks macht sich die Erbitterung seit 1916 Luft. Im Januar 1918 demonstrieren in Hamburg – wie überall im Reich – Zehntausende Arbeiterinnen und Arbeiter für eine Beendigung des Völkermordens (ZEIT Nr. 5/18). Als die Oberste Heeresleitung Ende September 1918 eingestehen muss, dass der Krieg verloren ist, und auf einen sofortigen Waffenstillstand drängt, ist kein Halten mehr. Durch innenpolitische Reformen versuchen die Machthaber, die Situation noch zu entspannen – vergebens.

Der revolutionäre Funke zündet ausgerechnet auf den Großkampfschiffen der kaiserlichen Marine, dem Lieblingsspielzeug Wilhelms II. Hier, wo Offiziere und Mannschaften auf engstem Raum zusammenleben, hat sich viel Konfliktstoff angehäuft. Ende Oktober bereitet die Admiralität in Wilhelmshaven einen Vorstoß der Schlachtflotte in den Kanal vor, um dort in einem letzten Gefecht einen "heroischen Untergang" zu finden. Doch die Matrosen verweigern den Gehorsam. Die Admiralität muss den Plan aufgeben; die "Rädelsführer" des Widerstands werden festgenommen.

Auf der Werft von Blohm & Voss randalieren die Arbeiter

Danach überschlagen sich die Ereignisse. Am 31. Oktober läuft das 3. Geschwader, das unruhigste von allen, in Kiel ein. Die Matrosen fordern in Versammlungen die Freilassung ihrer inhaftierten Kameraden; Kieler Werftarbeiter solidarisieren sich mit ihnen. Als sich am 3. November ein gemeinsamer Demonstrationszug zur Marinearrestanstalt aufmacht, eröffnet eine Militärpatrouille das Feuer. Es gibt zehn Tote und zahlreiche Verletzte. Das ist das Signal zum Aufstand. In der Nacht vom 3. auf den 4. November werden überall auf den Schiffen die Offiziere entwaffnet und rote Fahnen gehisst. Zwar gelingt es dem nach Kiel entsandten MSPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske, die Situation in Kiel unter Kontrolle zu bringen. Aber die revolutionäre Bewegung hat sich da schon über Norddeutschland ausgebreitet.

Am Morgen des 5. November berichten die Zeitungen in Hamburg erstmals ausführlich über die Kieler Ereignisse. Auf der Werft von Blohm & Voss kommt es am Vormittag zu Tumulten, in deren Verlauf die Werkskantine demoliert wird. Am Nachmittag gelingt es den Führern von MSPD und Gewerkschaften auf einer Versammlung der Vertrauensleute der Werften noch einmal, die Entscheidung über Kampfmaßnahmen zu vertagen. Doch dieser Beschluss wird bereits am Abend durch die USPD-Versammlung im Gewerkschaftshaus außer Kraft gesetzt. Hier wird eine Resolution verabschiedet, die Hamburgs Arbeiterschaft auffordert, unverzüglich in einen Sympathiestreik mit der Kieler Bewegung einzutreten.

Noch während Dittmann auf der Bühne über die Revolution spricht, bahnt sich eine Abordnung Kieler Matrosen den Weg zur Rednertribüne. Kurz darauf erscheint ein Trupp Soldaten, der sich aus dem Untersuchungsgefängnis der Kaserne des Infanterieregiments 76 in der Bundesstraße befreit hat. Unter dem Jubel der vielen Tausenden verbrüdern sich Matrosen, Soldaten und Arbeiter.

Noch in derselben Nacht, vom 5. auf den 6. November, leiten Matrosen unter Führung des 25-jährigen württembergischen Maats Friedrich Zeller den bewaffneten Aufstand ein. Sie bemächtigen sich der im Hafen liegenden Torpedoboote, besetzen den Elbtunnel und fahren in den frühen Morgenstunden zum Gewerkschaftshaus. Vor dem Gebäude werden Maschinengewehre postiert und eine Barrikade aus Straßenbahnwagen errichtet. Denn noch muss mit einer Gegenaktion des stellvertretenden Generalkommandos in Altona gerechnet werden.