Es ist ein windiger Tag, als die MS Deutschland durch die Nordsee pflügt auf ihrem Weg Richtung Norwegen. An Bord 439 Gäste, die Bremerhaven–Spitzbergen gebucht haben, hin und zurück. Zwei Wochen werden sie auf der Deutschland verbringen, dem ehemaligen ZDF-"Traumschiff". 1998 ging sie vom Stapel, doch es könnte auch 1908 gewesen sein, so sehr spielt ihre Erscheinung mit der Erinnerung: Statuen preußischer Prinzessinnen zieren die Decks, auf Gemälden tanzen Marine-Offiziere mit ihren Damen, ein Ballsaal, ausgelegt mit rotem Samt, viel Wurzelholz überall und glänzender Messing.

Man ist auf der Höhe von Dänemark, die Wolken hängen tief und verschlucken die Küste, die Spätaufsteher unter den Gästen füllen gerade ihre Teller mit gebeiztem Lachs und Rührei auf, als Hans-Joseph Sauer, Rufname Hanjo, katholischer Priester und Theologieprofessor aus Bamberg, seinen ersten Auftritt hat.

In weißer Albe mit einer grünen Stola über den breiten Schultern steht er auf der "Lido-Terrasse", einem Raum ganz oben, ganz vorn im Schiff, wenn man aus dem Fenster guckt ist da nichts als der Bug und das endlos weite Meer. Drinnen ein weißer Flügel, weiße Möbel, Büsten von Beethoven und Wagner. Wo es am Nachmittag Sahnetorte zu Pianoklängen gibt, haben sich jetzt 16 Passagiere eingefunden, um dem Wort Gottes, um Sauer zu lauschen. Der wartet hinter einem Tisch, darauf elektrische Kerzen, ein Kreuz und zwei Orchideen: seinem Altar. Eine Frau flüstert ihrem Mann zu: "Gott, ist das trist." Dann lässt sie sich in einen bequemen Bastsessel fallen und guckt Sauer erwartungsvoll an.

Sauer hat noch kein Wort gesprochen, da wird einem bewusst, dass hier gerade sehr Unterschiedliches aufeinandertrifft: die Welt der Leichtigkeit mit Kuchenbuffets und Spas und dauerguter Stimmung. Und die Welt der Spiritualität. Sauer hat als Bordgeistlicher auf der MS Deutschland angeheuert, und vom ersten Moment an ist klar, dass er in dieser Rolle ein Pendler zwischen den Welten ist.

Priesterlichen Beistand gab es schon auf Segelschiffen im 17. Jahrhundert, auf den Schiffen, die Einwanderer in die USA brachten, auf Kriegsschiffen und U-Booten, und dann gab es jenen Priester der Titanic, der sich weigerte, das sinkende Schiff in einem Rettungsboot zu verlassen, und der, während alles um ihn herum Chaos und Tod war, Gebete sprach, Beichten abnahm, Absolutionen verteilte – und mit der Titanic unterging. Doch heute kann man sich schon fragen: Kommen 400 Menschen, die zum Teil mehr als 6000 Euro pro Person für ihre Luxuskabine gezahlt haben, damit man sie verwöhnt und alles Unangenehme von ihnen fern hält, nicht auch zwei Wochen ohne geistlichen Beistand aus?

Theologe Hans-Joseph Sauer auf der "MS Deutschland" © Ilja Hendel für DIE ZEIT

Stellt man diese Frage dem Geschäftsführer von Phönix, der Firma, die die MS Deutschland betreibt, sagt der: "Lieber lasse ich eine Tänzerin zu Hause als den Bordgeistlichen."

Tatsächlich gehört der Bordgeistliche auf der MS Deutschland organisatorisch zu den Tänzern und Comedians und Musikern, zu den Künstlern, die auf dem Schiff für Unterhaltung sorgen. Er bezieht seine Kabine im gleichen Flur wie sie, unterliegt den gleichen Regeln.

Zu Beginn der Reise sitzt Hanjo Sauer deshalb mit einem melancholischen ukrainischen Pianisten und einem jovialen rheinländischen Typen, der Dia-Vorträge über Norwegen halten wird, im Festsaal des Schiffes zusammen – unter einem Deckengemälde mit fliegenden Engeln. Hier werden Sauer und die Kollegen in die Regeln eingewiesen, etwa in die Kleidervorschriften. "Auf der MS Deutschland beschweren sich die Gäste schnell, wenn der Bordgeistliche im T-Shirt auftaucht", erklärt ein gut gebräunter, dynamischer Jungmanager von der Kreuzfahrtgesellschaft. Sauer hört sich das an, im grauen Anzug und mit gut gezogener Krawatte, und nickt ganz verständnisvoll. Dann erklärt der Jungmanager noch, dass an Bord "Grußpflicht" herrsche. Und dass das Programm auch nicht ausfallen dürfe, wenn draußen die schönsten Fjorde vorbeizögen. Und Sauer sagt: "Ich mach den Gottesdienst auch, wenn nur fünf Leute kommen."

In den nächsten beiden Wochen muss Sauer jeden zweiten Tag einen Gottesdienst halten, außerdem zwei Vorträge über den Ursprung der Religion anbieten und drei, vier Landgänge begleiten. Außerdem muss er für alle da sein, die ein offenes Ohr brauchen. In der restlichen Zeit kann er sich ins Spa legen oder mit Bier und Buch einen Liegestuhl an Deck aufsuchen.