Jetzt also auch Brasilien. Die größte Nation Lateinamerikas hat den evangelikalen Hetzer Jair Bolsonaro zum Präsidenten gewählt – und das gut eine Woche bevor die US-Amerikaner Donald Trump einen weiteren Sieg bei den Kongresswahlen bescheren könnten. Die rechtspopulistische Herausforderung für die Demokratie wird zum weltweiten Phänomen.

Natürlich unterscheiden sich die nationalen Probleme von Ungarn über Italien bis nach Nord- und Südamerika. Im Fall Brasiliens zum Beispiel haben die Fußball-WM und die Olympischen Spiele das Land in eine neue Spirale von Korruption, staatlicher Geldnot und Verbrechen katapultiert. Und doch folgt der Populismus überall einem ähnlichen Muster, nährt sich von einem verbreiteten Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.

So gesehen haben der Zorn der Favela-Bewohner in Rio und der Industriearbeiter in Ohio, haben die Wut der Nord- und Süditaliener und der sich abgehängt fühlenden ostdeutschen Bürger etwas Entscheidendes gemeinsam. Viele Menschen sind angewidert von den alten Parteien, deren Politiker mehr lavieren als regieren. Sie wählen dann oft gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen.

Wer in der Politik gewinnen will, muss die Spaltlinien der Gesellschaft kennen

Bei Donald Trump war von Anfang an klar, dass er mit seiner Steuerreform vor allem die Reichen, also seinesgleichen besserstellen würde und nicht etwa die ärmeren Amerikaner. Und Jair Bolsonaros wichtigster Ökonom ist kein Sozialexperte, sondern ein neoliberaler Reformer, wie er im Buche steht.

Die Gleichung, dass eine gute Konjunktur der Regierung hilft, geht unter diesen Umständen auch nicht auf. Ob ihr eigenes Einkommen ein wenig wächst, ist vielen Wählern egal, die sich der Demokratie entfremdet haben. Hauptsache, die Nation beweist sich wieder als stark – gegenüber Handels- und Währungspartnern, Migranten und internationalen Organisationen wie den UN oder der EU.

Für solche Wähler wirkt ein Jota mehr Geld eher wie ein Verlust, wenn die selbst ernannte Elite der Globalisierungsgewinner gleichzeitig die Gemeinschaft zu Hause aufkündigt und sich ihresgleichen im Ausland verbunden fühlt, wenn sie wegzieht oder Steuerflucht betreibt.

Was also, wenn Bürger sich nicht mit ein paar Euro, Dollar oder Real mehr zufriedengeben, sondern Ansehen suchen, Gemeinschaft, Stolz? Dann reicht es nicht, Geld umzuverteilen, wie es die Sozialdemokraten seit Jahren versuchen. In Deutschland haben sie Rentner und Niedriglöhner beglückt, junge Eltern und Mieter, die ihnen zum Dank scharenweise davonlaufen.

Statt die Politik der Geldverteilung infrage zu stellen, verfolgt die SPD sie mit jeder Wahlniederlage noch konsequenter. Man leidet mit der Partei, fühlt sich aber an Einsteins Definition von Wahnsinn erinnert: immer wieder das Gleiche tun und andere Ergebnisse erwarten.

Wollen die Demokraten den Populismus überwinden, müssen sie dies- und jenseits des Atlantiks die Sehnsüchte ihrer Bürger ernst nehmen und neue Prioritäten setzen. Dann zwingen sie vielleicht Globalisierungsgewinner, zu Hause Steuern zu zahlen. Sie fordern ein soziales Jahr für alle, damit ein neues Gemeinschaftsgefühl entsteht. Sie planen Verkehrs- und Kabelnetze, Kitas und Arztpraxen auf dem Land genauso wie in der Stadt. Sie wehren sich gegen die unfairen Handelspraktiken Chinas genauso wie gegen das Steuerdumping in den Niederlanden. Sie legen sich mit den Digitalkonzernen an, damit diese fair mit unseren Daten umgehen.

Wer das Ringen um die Demokratie gewinnen will, muss die Spaltlinien in der Gesellschaft erkennen. Muss der Nation ein gemeinsames Projekt versprechen, wie es Emmanuel Macron in Frankreich getan hat. Muss die Menschen mitziehen und nicht erziehen. Sonst erledigen das die Populisten für sie auf ihre eigene, zerstörerische Art.

Der größte Wüterich von ihnen, Donald Trump, erhält laut der Umfragefirma Rasmussen Reports bei den Amerikanern mehr Zustimmung als Barack Obama in seinem zweiten Amtsjahr. Seine Wähler nehmen Briefbomben hin und Antisemitismus, es stört sie nicht, wenn die Börsen kriseln oder Konzerne vor der Handelspolitik des Präsidenten warnen. Trump setzt auf die Nation und legt sich regelmäßig mit den Globalisierern und der politisch korrekten Großstadtelite an, und der "kleine Mann" fühlt sich nicht mehr so klein.

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