Nazi-Schmierereien im Klassenzimmer, T-Shirts mit rechtsextremen Symbolen, ein Hitlergruß beim Schulausflug, rassistische Schimpfwörter in der Pause, ein Schüler, der einen Schaltkreis bauen soll und ihn aussehen lässt wie ein Hakenkreuz. Wer in Sachsen Lehrer wird, muss auf einiges gefasst sein. In den Reihen vor ihm könnte der ein oder andere rechtsaffine oder gar rechtsextreme Schüler sitzen. Die meisten Pädagogen verunsichert das, sie sind Fachexperten, wissen, wie man Gleichungen löst und Photosynthese erklärt, haben aber nie gelernt, mit extremen politischen Haltungen umzugehen.

Gerade in einem Bundesland wie Sachsen, wo Kurt Biedenkopf einst sagte, seine Bewohner seien immun gegen Rechtsextremismus, sich darin aber gewaltig täuschte, brauchen Lehrer Hilfe, politisches Rüstzeug, damit sie selbstbewusst in die Auseinandersetzungen mit ihren Schülern gehen, anstatt sich vor fremdenfeindlichen Parolen wegzuducken. Dieser Gedanke war es, mit dem die Robert-Bosch-Stiftung im November 2015 gemeinsam mit dem sächsischen Kultusministerium an neun Berufsschulen das Modellprojekt "Starke Lehrer – Starke Schüler" startete.

Es war die Zeit, in der Pegida in Dresden und Legida in Leipzig Angst vor Einwanderern schürten und islamfeindliches Vokabular unters Volk brachten. Und wenig später, 2016 und 2017, erschütterten die Ergebnisse des Sachsen-Monitors all jene, die noch glaubten, rechtes Gedankengut sei nur ein Randphänomen: Eine Mehrheit der Sachsen gab in den Umfragen an, dass die Bundesrepublik wegen zu vieler Ausländer in einem gefährlichen Maße "überfremdet" sei. Keine Gruppe unter den Befragten zeigte eine so große Unzufriedenheit mit der Demokratie in Sachsen und in der Bundesrepublik wie die jungen Menschen – die zugleich jene waren, die sich am wenigsten für Politik interessierten.

Lange hatte sich auch die sächsische Politik nicht dafür interessiert, wer die junge Generation mit den Spielregeln einer demokratischen Gesellschaft vertraut macht. Nirgendwo sonst in Deutschland gab es so wenige Unterrichtsstunden in Gemeinschaftskunde. Nirgendwo sonst galt die Devise, Politik habe in der Schule nichts zu suchen.

Nun aber sollten im Rahmen des Bosch-Projekts 26 Berufsschullehrer über drei Jahre hinweg qualifiziert und gecoacht werden, damit sie Strategien entwickeln im Umgang mit rechtsextremen Schülern, ihr Wissen über Jugendkultur und szenetypische Erscheinungsformen erweitern, sich mit Fachleuten und Initiativen vernetzen – und schließlich in die eigenen Kollegien hineinwirken, um am Ende nicht weniger als die politische Kultur an ihren Schulen zu verändern.

Drei Jahre später, an einem nasskalten Montag im Oktober, der Abschlussbericht zum Projekt wird in wenigen Tagen vorgestellt, sitzen drei Berufsschullehrer und ein Sozialpädagoge im schmucklosen Raum 246 am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden und überlegen, wie es nun weitergeht. Von den ursprünglich 26 Teilnehmern waren am Ende zwar noch 21 im Projekt, doch diese vier hier sind die Einzigen, die ihr Wissen nun auch weitergeben wollen. Viele ihrer Kollegen haben aufgegeben, sich von den Anfeindungen und dem fehlenden Rückhalt an der eigenen Schule ausbremsen lassen.

Dabei wünscht sich die sächsische Bildungspolitik, dass die Arbeit an den Modellschulen weitergeht und dass auch andere Schulen von deren Erfahrungen lernen. Deshalb werden die vier Übriggebliebenen im nächsten Schuljahr Fortbildungen in ganz Sachsen geben, sich vor fremde Lehrer stellen und ihnen erzählen, was es heißt, politische Bildung endlich ernst zu nehmen – dass sie keine Angst haben und nicht immer neutral bleiben müssen.

Was haben sie selbst in den letzten drei Jahren gelernt? Fakten, Argumente, Strategien, Handwerkszeug, der Abschlussbericht spricht von "Professionalisierungseffekten". Schätzten die meisten Lehrer ihren eigenen Wissensstand zum Thema Rechtsextremismus zu Beginn des Projektes als "eher gering" ein, wurde er von einer Mehrheit der Teilnehmer am Ende als "eher umfassend" beschrieben. Die beteiligten Lehrer fühlten sich sicherer in ihrem Handeln und schätzten die eigenen Kompetenzen viel positiver ein.