Von Petra Bahr

Nie waren Predigten so attraktiv wie heute. Als TED-Talks werden sie millionenfach über die sozialen Medien geteilt und live inszeniert. Die Hallen sind voll. "Leute, hört mal. Das kann euer Leben ändern." Da reden Menschen, ohne rot zu werden und ohne Manuskript, von ihrer Mission. Manche sprechen langsam. Sie halten Pausen aus und stellen nur Fragen, weil ihnen wirklich etwas fraglich ist. Andere Reden sind poetisch. Ihre Sätze streichen dem aufmerksamen Publikum so sanft um die Ohren, als könnten Worte kraulen. Es gibt Talks, die nagelneues oder uraltes Wissen so vermitteln können, als hätte man sich immer schon für diese Themen interessiert. Andere reden über Lebenswenden, Krisen und Neuanfänge. Sie stehen mit ihrer Existenz für ein Thema und reden doch nicht nur von sich. Das kommt an. Dabei ist ihre Authentizität wohlinszeniert. Hier ist nichts spontan. TED-Talks sind mit viel Arbeit verbunden.

In einer Zeit, in der alle alles kommentieren können und das große Stimmengewirr von Meinungen, Gedanken und Expertisen niemals schweigt, gibt es eine Sehnsucht nach vollmächtiger Rede. Zuhören, sich etwas zumuten, was man sich nicht selber sagen kann, ganz altmodisch ein Bildungserlebnis haben oder sich an Gedanken reiben – wer den säkularen Predigtmarkt auskundschaftet, bekommt es mit Beutekunst zu tun. Alles nur geklaut. Was gibt es für großartige Redner und Rednerinnen. Auf Poetry-Slams oder bei der Verleihung von Friedenspreisen des Deutschen Buchhandels kann man sie hören, in Vorlesungssälen – und immer wieder neu in Kirchen. Manche haben mit wenigen Worten nicht nur mein Leben verändert.

Man kann auch die andere Geschichte erzählen. Von Predigten, die stotternd verlesen werden wie Schulaufsätze, zwei Meter über die Köpfe derer hinweggesprochen, die verlegen an den Fingern knibbeln, über Klischees und Möchtegern-Lyrik, moralische Richtigkeiten und die Vereinnahmungen in einem imaginären Wir. So viel Müdigkeit und Halbherzigkeit und schiefe Bilder auf Kanzeln, so viel Kapitulation vor dem hohen Anspruch an das Predigtamt, so viel Authentizitätszwang, so viel Erwartungserwartungen. Ach, all die schlechten Predigten, die ich selbst gehalten habe. Zum Im-Boden-Versinken.

Nur: An welche imaginäre Instanz appelliert der Aufruf "Schafft die Predigt ab"? Der Predigtauftrag kommt aus dem Neuen Testament, die Auseinandersetzung mit einem Gotteswort vor geneigtem oder widerspenstigem Publikum führen schon Propheten oder weise Männer und Frauen im alten Israel. Öffentliche Wortverkündigung, also das, wozu evangelische Pastorinnen und Pastoren in der Ordination beauftragt sind, geht in den drei- bis dreizehnminütigen Reden in der Mitte des Gottesdienstes nicht auf. Aber die Auslegung der Bibel als Kunstform können Pastorinnen und Pastoren nicht einfach delegieren. Sie können sie anders gestalten, andere involvieren, von anderen lernen, ihnen auch mal ganz das Wort überlassen.

Doch die Gemeindehaus- und Stuhlkreistheologie, die mit herrschaftsfreiem Gestus alles zu einer Frage der Beteiligung erklärt hat, hat schon in der Vergangenheit neue Machtansprüche erzeugt, neue Formen des Banalen, neue Formen der Abgrenzung, und sei es nur, weil es Menschen gibt, die es als eine Form der Freiheit empfinden, nicht reden zu müssen. Sie wollen nicht umarmt werden und schon gar nicht, dass jemand persönliche Bekenntnisse von ihnen fordert. Auch wenn der Stuhlkreis "Lounge" heißt und die Bibelstunde "Bible-Talk" – keine Form ist was für alle. Gottesdienste in Kinos und anderen "coolen Locations" haben hohe Milieugrenzen, oft sogar subtilere als die gute alte Kirche in der Nachbarschaft. Da hilft es nicht viel, wenn aus der Kanzelrede der Talk oder das Interview oder die "Fishbowl" wird. Das ist die Unausweichlichkeit der Pluralisierung von Frömmigkeit und Gottesdiensten, von Gemeinden und temporären Orten der Gottesbegegnung.

Die Sehnsucht nach schonungslos ehrlichem Sprechen über den eigenen Glauben, die Versuche, im Sprechen, Spielen und Forschen über einem biblischen Text Gott selbst näher zu kommen oder auch nur einander, gehört im Übrigen zur Geschichte der Christenheit seit den Tagen ihrer Entstehung. Wer in der Predigt Manipulation, Unehrlichkeit oder Banales vermutet, kann es anders machen. Es gibt so viele Modelle. Verkündigung, gedichtet, gesungen, getanzt. Nur gut, wenn es gut gemacht ist. Dialogpredigten und Predigtgespräche, Bibliodrama, Bibelauslegungen in rabbinischer Tradition oder Kurzpredigten, Predigt als Kino oder gleich im Museum. Einen Monat lang ohne "Gnade", "Gerechtigkeit", "Kreuz", eine Demutsübung. Geistlicher Hochmut ist in der Regel nur Ausdruck einer Überforderung.

Dem Anspruch und der Unterstellung theologischer Überlegenheit müssen Pastoren und Pastorinnen sich in jedem dieser Formate stellen. Je kühner die Formen, desto mehr Vorbereitung. Die Überlegenheit der Ordinierten ist eine professionelle, die nicht mit größerer Gottesnähe zu verwechseln ist, sondern ihren Grund in einer langen und guten Ausbildung hat. Eine Predigtvorbereitung ist deshalb der Ort, an dem theologische und inszenatorische Arbeit gefordert ist.

Das bedeutet nicht, dass die Kanzel zur Vorlesungsstätte verkommt, obwohl mehr theologische Gedankenschärfe gegenwärtig auch als Intervention gegen die grassierende Macht der Gefühle verstanden werden kann. Sich einem biblischen Text so stellen, dass sich all die gut gesetzten Wörter in das Wort verwandeln, das lebendig macht, ist theologisch gesprochen ein gezielter Kontrollverlust: das Beste geben und doch nichts tun zu können, einer Wirkung zu vertrauen, die sich vielleicht niemals zeigt. Denn so wie es "die" Predigt nicht gibt, so fällt auch "die Gemeinde" in lauter selbstbewusste Ichs auseinander, mit oft unvereinbaren Erwartungen.

TED-Talks legen Kernbestände des Predigens offen. Freimütig werden, auf die zweitliebsten Gedanken verzichten, seinen Stil finden, die eigene Sprache suchen, sich aber vom Zwang zum Authentischsein befreien. Nur ist "Verkündigung" mehr als ein guter Talk. Wer mit seiner eigenen Glaubwürdigkeit zu jeder Zeit für den christlichen Glauben einstehen will, wird daran scheitern, ob allein oder in inniger Gemeinschaft. Die Kultivierung der eigenen Zweifel macht es nicht besser. Predigerinnen und Prediger können von sich sprechen, aber sie sprechen nicht nur aus sich selbst und für sich selbst. Hier hört die Kunst der Predigt auf und die Frage nach dem geistlichen Leben als stillschweigender Voraussetzung beginnt. Wohin mit der Angst vor dem eigenen Relevanzverlust? Wohin mit neuen Ideen, wenn die ererbten Formate die Geistlichen bisweilen fast zu Tode erschöpfen? Wie Wege fürs Lesen, Grübeln, Diskutieren oder Schweigen suchen, wenn erst Verwaltungsberge überwunden werden müssen?

In einer Zeit, in der Kirche fast alles möglich ist, scheint das Lassenkönnen die größte Herausforderung zu sein. Mehr Freiraum fürs Predigen, allein oder mit anderen, wild und zart und klug und anstößig, das wäre eine Reformation!