Wie beginnt eine Krise? Robert Shiller kennt die Antwort: "Wenn die Leute plötzlich aufhören, Geld auszugeben." Wenn sie also das Auto doch nicht kaufen, sich das mit der neuen Küche noch einmal überlegen oder eben nicht in den Urlaub fahren. All das kann im schlimmsten Fall zu einem Einbruch der Wirtschaftsleistung führen. Und der lässt sich für Shiller mit der Beantwortung einer einfachen Frage erklären: "Was ist der Anlass für den Kaufverzicht?"

Shiller, 72, empfängt in seinem Büro in einer Villa im viktorianischen Stil, die heute zum Campus der Universität Yale an der US-Ostküste gehört. Er räumt schnell das schwarze Sofa frei, auf dem Ordner und Bücher abgelegt sind, auch der Schreibtisch ist bedeckt mit Papieren. Wenn es um Fragen der Konjunktur geht, ist der Ökonomienobelpreisträger in diesen Tagen ein gefragter Mann. Der Finanznachrichtendienst Bloomberg will von ihm wissen, was an den Aktienmärkten passiert ("Ich weiß nicht, ob es eine Marktkorrektur ist oder ein Bären-Markt"). Der US-Börsensender CNBC interessiert sich dafür, ob amerikanische Immobilien überbewertet sind ("Ich glaube nicht daran, dass die Preise bald fallen"). Im Hauptberuf mag Shiller Professor für Wirtschaft an der Universität Yale sein. Für Investoren auf der ganzen Welt ist er auch ein Prophet.

Dafür gibt es gute Gründe. Anfang 2000 erschien Shillers Buch Irrational Exuberance (Deutsch: Irrationaler Überschwang), in dem er vor einer Spekulationsblase an der Börse warnte – kurz darauf brachen die Kurse ein. Es zeigte sich, dass es die Blase gegeben hatte, die nun tatsächlich platzte. Mitte der 2000er-Jahre begann Shiller dann, vor einem Einbruch bei den US-Immobilienpreisen zu warnen – als dies dann tatsächlich geschah, führte das zur Finanzkrise 2007 und zur Rezession.

Heute interessiert Shiller sich vor allem für eines: "Es geht alles um Geschichten", sagt er. Er ist nämlich davon überzeugt, dass Erzählungen die Wirtschaft maßgeblich beeinflussen. Deshalb forscht Shiller darüber, was sich die Menschen erzählen, warum manche Erzählungen zu überlieferten Wahrheiten werden, wie sich diese Geschichten verändern und vor allem, was sie verändern.

Über die Ergebnisse seiner Arbeit hat Shiller nun ein Buch geschrieben, das Manuskript hat er kürzlich an den Verlag geschickt. Narrative Economics ist der Titel. Mit Narrativ bezeichnet Shiller keine Erzählung im klassischen Sinn, sondern eine Interpretation von Ereignissen. Narrative sind auch für ihn Geschichten, mit denen sich die Menschen erklären, was um sie herum passiert.

Besonders einflussreich seien Geschichten mit einer Moral, sagt Shiller. "Nehmen wir die wilden Zwanzigerjahre, die als eine Zeit wilder Partys und freizügiger Frauen dargestellt werden. Als darauf erst der Crash von 1929 folgte und dann die Große Depression, wurde das als Folge eines moralischen Versagens interpretiert." Am Sonntag nach dem Börseneinbruch hätten Prediger in den USA diesen als Folge des Sittenverfalls dargestellt. Diese Geschichte wirke immer noch nach.

Viele Ereignisse ließen sich mit der Geschichte erklären, die um sie herum gesponnen wird. So auch der jüngste Aktienboom, der Anfang Oktober zu Ende ging. Ein Grund für diesen langen Überschwang an den Finanzmärkten ist nach Shillers Einschätzung Präsident Trump. Selbst wenn die Anleger keine Trump-Anhänger seien, hätten sie geglaubt, dass Trump die Wirtschaft stärken würde. Trump sei geradezu ein Meister des Narrativs, so Shiller. "Seine Geschichte ist die des brillanten Selfmade-Milliardärs, obwohl er gar keiner ist. Einer der knallhart sagt: ›Du bist gefeuert!‹ Jemand, der ein Unternehmen retten kann, das Land und den Rest der Welt."

Verbreitet würde dieses Narrativ über Reality-TV-Sendungen. Mit Ratschlägen wie "Leb’ in großem Stil und brüste dich damit!", die Trump in seinen Büchern erteile und die er selbst vorlebe, inspiriere er nicht nur seine Anhänger, glaubt Shiller. Er sagt: "Donald Trump weckt die animal spirits, die animalischen Instinkte, die die Wirtschaft antreiben."

Damit bezieht sich Shiller auf eine Idee, die einst der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883–1946) entwickelt hat. Laut Keynes werden wirtschaftliche Entscheidungen zum großen Teil aus Gefühlen heraus getroffen, nicht aus rationalen Kosten-Nutzen-Abwägungen. So schrieb Keynes 1936 in seinem Werk Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes: "Wenn die animalischen Instinkte gedämpft werden und der plötzliche Optimismus stockt, wird somit das Unternehmertum schwinden und sterben – obschon die Angst vor Verlusten keine vernünftigere Grundlage gehabt haben mag als vorher die Hoffnung auf Gewinn."

Shiller hat dieses Konzept mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger George Akerlof in der gemeinsamen Publikation Animal Spirits aufgegriffen und verfeinert. In dem Buch, das 2009 erschien, erklären die beiden Wirtschaftsforscher, dass psychologische Faktoren maßgeblich an Finanzkrisen und Rezessionen schuld waren. Als Beispiel nennen sie etwa den blinden Glauben daran, dass Immobilienpreise immer weiter steigen würden.