Billiger geht es höchstens zu Fuß: Noch Anfang dieser Woche konnten Touristen und Geschäftsleute für 20,51 Euro einen Ryanair-Flug von Bremen nach London und zurück buchen. Abflug am nächsten Mittwochmorgen, Rückflug Donnerstag.

Was die meisten Passagiere nicht ahnen: Die Flugbegleiter und Piloten, die diese Strecke bisher flogen, verlieren ihren Job in Bremen. Nach über zehn Jahren wird die Fluglinie künftig keine Station mehr in Bremen betreiben.

Die Mitarbeiter erfuhren Anfang Oktober, dass sie ab November an anderen deutschen Standorten unterkommen können. In Berlin etwa. Oder in Köln. "Einige sind seit zehn Jahren hier beschäftigt und sollen nun praktisch über Nacht mitsamt ihrer Familie quer durch Deutschland ziehen", sagt ver.di-Bezirksgeschäftsführer Markus Westermann. Piloten berichten gar von europaweiten Versetzungsangeboten. Andere können gleich gehen. Die Verträge befristet Beschäftigter sind nach Information der Gewerkschaft ver.di bereits gekündigt.

Die sagenhaften Ticketpreise hatten bei Ryanair schon immer auch diesen Grund: Mitarbeiter schuften mehr als bei anderen Fluggesellschaften, sie haben weniger Urlaubsanspruch und bekommen kaum Sozialleistungen. Piloten waren lange wie Ich-AGs organisiert. Mit nur einem Kunden. Ryanair.

Nun aber nehmen die Beschäftigten das nicht mehr hin. Sie haben sich organisiert und verhandeln in vielen Ländern mit der Airline über Sozialstandards. In Spanien, Belgien und Portugal gibt es bereits Einigungen.

Auch in Deutschland kam Ryanair gleich mit drei Gewerkschaften ins Gespräch. Heute eint alle die Wut auf das Unternehmen. Für die Interessen der Kabinenbesatzungen streiten zwei von ihnen, ver.di berichtet von "sehr, sehr zähen Verhandlungen". Die Gewerkschaft Ufo und Ryanair sprechen zurzeit gar nicht, und die Vereinigung Cockpit, die die Piloten vertritt, ärgert sich über eine Airline, "die nicht auf Augenhöhe diskutieren will".

Vertreter aller drei Gewerkschaften sehen in der Bremer Schließung eine weitere Eskalation des Konflikts. "Das ist ein durchsichtiges Manöver. Ryanair wehrt sich gegen Streiks, indem es mit Standortschließungen droht", sagt Ingolf Schumacher, Tarifexperte der Vereinigung Cockpit (VC).

Ryanair wehrt sich in einer Presseerklärung gegen diese "falschen Vorwürfe". Marketingchef Kenny Jacobs spricht von einer "notwendigen Reaktion" auf veränderte Marktbedingungen. "Ryanair hatte bereits gewarnt, dass weitere Basisschließungen oder Kapazitätskürzungen in Deutschland oder anderen europäischen Ländern nicht ausgeschlossen werden können, wenn die Ölpreise weiter steigen oder die Flugpreise weiter sinken."

Da ist was dran. Binnen Jahresfrist sind die Kerosinpreise um über 20 Prozent gestiegen. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Ryanair mit 460 Millionen Euro höheren Treibstoffkosten. Und die erfolgreiche Auslastung der Flieger erkauft sich Ryanair mitunter teuer. Der durchschnittliche Ticketpreis sei um drei Prozent gesunken, teilte das Unternehmen vergangene Woche mit.

Bisher hat Ryanair jedem Kostendruck getrotzt. Dann aber kamen die Gewerkschaften. Sie fordern für das fliegende Personal, was in anderen Branchen längst selbstverständlich ist. Es geht gar nicht so sehr ums Geld. "Wer viel fliegt, verdient bei Ryanair bisweilen sogar besser als bei der Lufthansa-Tochter Eurowings", sagt VC-Funktionär Schumacher. Es geht um Lohnerhöhungen mit steigender Berufserfahrung (Seniorität), um Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und um die Frage, wie willkürlich das Unternehmen über die Einsatzorte der Piloten entscheiden darf.

In diesen Tagen will ver.di mit Ryanair über einen Sozialplan reden. Zu Wochenanfang war jedoch nicht mal klar, ob das Gespräch in Dublin oder Berlin stattfinden würde. Die Gewerkschaft fordert Abfindungen für Teile der Bremer Belegschaft. Und für ver.di steht außer Frage: "Wir sind zu allem entschlossen. Notfalls wird wieder gestreikt."