Der Herbstmond über uns ist fast voll. Ich bin auch nicht mehr ganz nüchtern. Auf dem Hof der Familie Andrianakis ist heute kazanemata – Brennereifest. Ein ganzes kretisches Dorf hat sich versammelt, um den frisch gebrannten Schnaps zu feiern. Ich sitze zwischen singenden Griechen an einem der langen Tische. Etwas abseits dreht ein einzelner Tänzer selbstvergessen kleine Kreise. Auf dem Grill erkaltet ein halbes Schwein. Auch die Kinder haben längst aufgegeben, sich weiter Süßes in den Mund zu stopfen. Die griechische Gastfreundschaft, hochprozentig und -kalorisch, hat uns alle überwältigt. Aber bei einem Brennereifest muss das wohl so sein.

Die kazanemata ist eine alte kretische Tradition. Eine Art spirituöses Erntedankfest. Ist die Weinernte vorüber, der Wein gekeltert, bringen die Dorfbewohner ihren Trester zu den kazani, den Brennereien. Über dem offenen Feuer entsteht dort aus den vergorenen Traubenresten Tsikoudià, ein Tresterbrand, auch Raki genannt. Dieser schlichte Verwandte des italienischen Grappas wird getrunken, wenn Gäste da sind. Zu welcher Tageszeit, ist dabei fast egal. "Mein Tsikoudià kommt von Herzen", hat mir ein Restaurantbesitzer in Chania versichert und sich dabei auf die Brust geklopft. "Direkt aus meinem Herzen." Als Reisender kommt man um dieses klare Herzblut kretischer Gastfreundschaft deshalb kaum herum. An einem Brennereifest teilnehmen zu können ist dagegen ein Glücksfall.

Tsikoudià wird nur zwischen Oktober und November hergestellt. Dann aber in jedem Dorf. Die kazani sind einfache, meist von Bauern betriebene Kupferdestillen. Einmal angeschürt, brennen die Feuer rund um die Uhr. Familie und Freunde kommen vorbei, um den Brennern bei ihrer Arbeit am Kessel Gesellschaft zu leisten – oder um sich ein paar Liter aus eigenen Traubenresten destillieren zu lassen. Fremde sind willkommen. Hauptsache, jeder bringt etwas zu essen mit. Vielleicht auch eine Gitarre oder eine Bouzouki. So hat es mir vor Jahren ein Grieche erzählt: "Wenn es im Herbst nach Feuer und Most riecht, klopf einfach an die Tür des Hauses, über dem du Rauch aufsteigen siehst." Das klang nach dem Griechenland der Siebziger, von dem meine Großeltern immer so geschwärmt hatten. Gab es das etwa noch? Der Gedanke ließ mich nicht los. Mit etwas Herumfragen habe ich dann nach Polemarchi gefunden, in ein Dorf im Westen der Insel, wo die Familie Andrianakis heute eine kazanemata veranstaltet. Ich will mitfeiern – so griechisch wie möglich.

Als ich mein Auto neben einem Schuppen parke, ist es kurz nach Mittag. Der Andrianakis-Hof, eine Ansammlung flacher Gebäude, liegt am Rande des Dorfs zwischen Olivenhainen auf einem roten Hügel. Neugierige Ziegen drängen sich in einem Verschlag. Hühner staksen herum. Hunde wollen gestreichelt werden. Fünf lange Tafeln mit weißen Tischdecken stehen vor der Brennerei. Kristalenia Andrianakis, dunkler Zopf, mittelmeerblaue Augen, hilft ihrer Schwiegermutter beim Eindecken. Gegen drei wird das ganze Dorf auflaufen. 120 bis 150 Gäste. Nur eine kleine Fete, sagt Kristalenia. "Bei Hochzeiten kommen mindestens 3000 Leute." Ich überreiche den Frauen mein Gastgeschenk: eine Schachtel Törtchen. Kristalenia hält mir ein Schnapsglas hin: "Frisch gebrannt!" Der Tsikoudià riecht süßlich, schmeckt mild wie ein saftiger Grappa. Und steigt mir sofort zu Kopf. Ich stelle das halb volle Glas ab, die Warnung des Restaurantbesitzers aus Chania im Ohr: "Trink dein Glas nie leer. Gastgeber dulden keine leeren Gläser und füllen sofort nach." Außerdem solle ich niemals Raki sagen zum Tsikoudià. Der Name Raki ist dem Türkischen entlehnt, erinnert an die Zeit der osmanischen Herrschaft. Also habe ich geübt: Tsikoudià – vorne wie die Zikade, in der Mitte wie die Kuh und hinten mit einem kämpferischen Ha!

Die Brennerei der Familie Andrianakis ist selbst gebaut. Ein mehrere Meter hoher Schuppen, gelb verputzte Wände, Wellblechdach, Meerblick durch die offene Rückwand. In der Mitte des Raums bullert ein bauchiger Kupferkessel. Mpampis Andrianakis, schwarzer Vollbart und Bauarbeiterarme, schiebt Kastanienholzscheite ins Feuer. Funken stieben. Der Kessel zischelt. Kristalenia und Mpampis bewirtschaften gemeinsam mit Mpampis’ Eltern deren Bauernhof: 1000 Orangenbäume, zwei Hektar Wein- und Tafeltrauben, Gemüsebeete. Der Tsikoudià ist für die Familie eher Nebenverdienst. Wann und wie lange sie destillieren dürfen, bestimmt der Zoll, mal sind es zwei, mal fünf Tage. Am ersten Tag hat ein Beamter den Kessel der Familie inspiziert und die Plombe vom letzten Jahr aufgebrochen. Ist die Frist um, kommt er wieder und versiegelt den Kessel erneut. Um die gewährten Tage voll auszunutzen, steht Mpampis schon früh morgens am Kessel und schiebt abends Spätschichten.

Auf einem Gaskocher im Hof brodeln 100 Liter Schaffleischsud für den Festtagsreis. Der Grill daneben raucht sich schon mal warm. Über die Freiluftküche wacht wie ein massiger griechischer Feuergott Onkel Lefteris, ein Mann mit streng geballten Brauen. Er wacht auch über mein Glas. Sobald ich nur nippe, schraubt er die Flasche auf und füllt nach – schneller als ich "Ich muss noch fahren" sagen kann.